Bouldern in Marokko: Oukaimeden

Bouldern in Marokko: Oukaimeden

Bouldern in Marokko: Oukaimeden nahe Marrakesch
Foto: Babs van Buuren

Nur 90 Fahrminuten von Marrakesch entfernt warten mitten im Hohen Atlas rund 800 Boulder und Potenzial für noch viel mehr.

Keoma Jacobs-Moed, Führer-Autor, berichtet von einem noch unbekannten Boulder­paradies rund um das kleine, marokkanische Dorf Oukaimeden

Vor ein paar Jahren lernte ich Babs van Buuren in der Kletterhalle in Den Haag kennen. Schnell stellte sich heraus, dass sie wie ich ein großer Marokko-Fan ist. Beide hatten wir vage Infos, dass es in Marokko auch Bouldermöglichkeiten gebe – und so beschlossen wir, gemeinsam herauszufinden, was dahinter steckt.

Wir fanden einen Blog von Jay Pars von „Climbing Morocco“, in dem er von einem Gebiet nahe Marrakesch namens Oukaimeden schrieb. Wir buchten einen Flug nach Marokko und packten unsere Sachen. In Marrakesch trafen wir Jay und Jeremy. Beide hatten Oukaimeden schon ein paar Mal besucht. Sie gaben uns ein Blatt mit ein paar Infos und einer Handvoll Erstbegehungen, die ihnen dort gelungen waren.

Ein neues Bouldergebiet in Marokko

Foto: Babs van Buuren
Bouldern im Atlas-Gebirge: Oukaimeden bietet roten Sandstein vor genialer Kulisse.

Am nächsten Tag fuhren Babs und ich hin. Wir trauten unseren Augen kaum. Rund um das kleine Dorf Oukaimeden auf 2700 Metern verteilten sich riesige Blockfelder. Es war ein extremer Kontrast zum heißen, chaotischen und nur eineinhalb Stunden entfernten Marrakesch: ein unfassbar schöner, ruhiger Ort hoch oben im Atlasgebirge, dazu unendlich viele Blöcke aus rotem Sandstein. Sofort war uns klar: Dieses Gebiet verdient es, richtig erschlossen zu werden – nicht von uns allein, sondern von der gesamten Boulder-Community. Weder wir noch Jay haben Oukaimeden entdeckt. Kletterer des französischen Alpenclubs hatten Oukaimeden bereits in den 80er-Jahren besucht, aber nie ein Topo gemacht oder das Gebiet in irgendeiner Weise publiziert.

Video: Bouldern in Oukaimeden


Bereits bei diesem ersten Besuch beschlossen wir, ein jährliches Treffen in Oukaimeden zu organisieren, um dieses versteckte Juwel zu erschließen. Wir beschlossen, die Veranstaltung Imik‘simik Trip zu nennen. „Imik‘simik“ bedeutet „Schritt für Schritt“. Das entspricht dem Vorgehen beim Lösen eines harten Boulderproblems, ist aber auch eine Lebensphilosophie: Nichts überstürzen, einen kleinen Schritt nach dem anderen tun, den Weg genießen, um schließlich dort anzukommen, wo man hin möchte. Hetze dich nicht auf dem Weg zu deinem Ziel, sondern genieße den Weg!

Der seit 2014 jährlich stattfindende Imik’simik Trip nach Oukaimeden hat nichts mit einer pauschalen Kletterreise zu tun. Es ist ein Treffen, das ich initiiert habe, um die Erschließung von Oukaimeden voranzubringen. Ich helfe den Leuten nur bei der Anreise, beim Leihen von Crashpads und zeige ihnen das tolle Chalet, das wir für diese Veranstaltung buchen.

Potenzial für weitere Boulder

Foto: Babs van Buuren
Fingerstrom gefragt: Im Sektor Colony dominiert Kletterei an Leisten.

2014 traf ich während des ersten Imik‘simik Trips Todd Kutze vom Kletter-App-Hersteller Rakkup. Er war genauso begeistert vom Potenzial Oukaimedens wie ich und so beschlossen wir, uns für die Erstellung eines digitalen Boulderführers zusammen zu tun. Damals war das noch ein weit entferntes Ziel für mich. Ich ging davon aus, dass es mindestens fünf Jahre dauern würde, bis genügend Boulder erstbegangen sein würden, um eine sinnvolle Topo-App zu machen. Doch mit dem Rakkup-Führer hatte ich die Möglichkeit, mehrmals im Jahr Updates zu machen und so die Suche nach neuen Linien und potenziellen Erstbegehungen zu kanalisieren.

Inzwischen enthält der Topo 700 Probleme mit Schwierigkeiten von 3+ bis zu Marokkos erster 8A, nach dem nächsten Update werden es rund 800 sein. Zwar wächst die Zahl derer, die das Risiko auf sich nehmen, etwas Unbekanntes zu erkunden, im Vergleich zu vielen Bouldergebieten Europas reisen aber immer noch sehr wenige Kletterer nach Oukaimeden. Wer hierher kommt, den erwartet ein toller Mix aus marokkanischer Kultur, tollem Sandstein und einer großartigen Natur. Zwar schreitet die Erschließung Oukaimedens langsam, aber stetig voran, aber noch immer befinden wir uns in der Phase der Erkundung. Und auch wenn ich schon über die 700 bislang dokumentierten Probleme glücklich bin, so beträgt das Potenzial doch ein Vielfaches.

Felsqualität im Bouldergebiet Oukaimeden

Foto: Babs van Buuren
Brahim, Philosoph und Chef des Restaurants Imik'simik. Hier gibt es gute Tagines.

Der Sandstein von Oukaimeden ist meist solide, allerdings sind viele Probleme noch nicht komplett saubergeklettert, so dass schon mal eine Schuppe brechen kann. Dies gilt selbstverständlich umso mehr, wenn ihr Erstbegehungen macht. Leisten jeder Größe überwiegen, aber selbstverständlich findet sich auch der eine oder andere Slo­per. Insgesamt ist die Kletterei tendenziell athletisch, auch wenn es nicht allzuviele Dächer gibt. Highballs finden sich einige, sie sind aber eher Ausnahme als Regel.

Aufgrund der Lage zwischen 2500 und 2800 Metern schlägt das Wetter auch mal Kapriolen. Im April kann es vorkommen, dass du am einen Tag in der Daunenjacke frierst und am nächsten selbst ohne T-Shirt schwitzt. T-Shirt-Wetter ist auch im Winter nicht selten. Und bei Neuschnee sind die Blöcke in aller Regel nach einem oder spätestens zwei Tagen dank der marokkanischen Sonne wieder bekletterbar.

Boulderer willkommen!

Foto: Keoma Jacobs-Moed
Ausblick im Sektor Plato, Catia klettert 'Jesus on the Rocks' (Fb 6A).

Die Einwohner von Oukaimeden sind ebenfalls sehr glücklich über mein Projekt, da es mehr und mehr Kletterer zu ihnen und damit eine zusätzliche Einnahmequelle bringt. Die Menschen in Oukaimeden leben ein einfaches Leben und sind auf Einnahmen von Touristen angewiesen, die der Hitze von Marrakesch entfliehen wollen und die Hektik der Stadt für ein paar Tage gegen frische Bergluft und die Ruhe der Natur eintauschen wollen.

Hauptsaison ist der Winter. Wenn Schnee liegt, sind hier sogar einige Skilifte in Betrieb. Doch der Schnee wird immer weniger, dementsprechend froh sind die Einwohner über die Kletterer. Manchmal jammern sie allerdings, dass diese so wenig kaufen. Deshalb ist ihnen eine Busladung voller ehemaliger britischer Soldaten in voller Kaki-Montur immer noch lieber. Oukaimeden ist kein klassisches marokkanisches Dorf, hier findet man eine Menge hübscher Wochenend-Chalets von wohlhabenden Leuten aus Marrakesch. Aber keine Sorge: Oukaimeden ist kein Touri-Spot, hier geht es immer noch sehr ruhig zu. Am Fels, im Leben – imik‘simik!

Info zum Bouldern in Oukaimeden, Marroko

Foto: Keoma Jacobs-Moed
Übersicht Dorf und Bouldergebiet Oukaimeden.

Bouldern
Inzwischen existieren in Oukaimeden rund 800 Probleme von Fb 3 bis Fb 8a, wobei leichte und moderate Boulder überwiegen. Das Absprunggelände ist meist gut bis sehr gut und nur teils etwas verblockt. Die Kletterei spielt sich überwiegend an Leisten ab, von Dächern bis zu Reibungsplatten ist alles geboten. Der Sandstein ist generell fest, viele Probleme sind allerdings noch nicht abgeklettert. Wenn der Fels nass oder feucht ist, bitte nicht bouldern! Selbst in Marokko neigen filigrane Sandstein-Strukturen dann zum Brechen.

Beste Zeit
Prinzipiell ist Bouldern in Oukaimeden ganzjährig möglich. Die beste Zeit ist März bis Mai und September bis November. Im Winter kann es stark schneien, die Blöcke sind aber schnell wieder bekletterbar. Im Sommer macht Bouldern nur morgens und abends Sinn.

Anreise
Erstes Ziel ist Marrakesch, ein Touristen-Hotspot und definitiv sehenswert. Von hier sind es 90 Fahrminuten, durch erst chaotischen, dann sehr ruhigen Verkehr. Mietwagen bekommt man am Flughafen oder in der Stadt. Von Marrakesch auf der P2017 nach Ourika (Kreisverkehr mit Ampeln). Weiter durch den Ort bis zur nächsten Ampel. Von hier der P2017 noch etwa sieben Kilometer folgen bis zu einer Kreuzung, wo ihr rechts auf die P2030 abbiegt (Oukaimeden angeschrieben). Dieser Straße etwa 20 Kilometer bis zum Ort folgen.

Übernachten
Das Chalet Mostapha bietet einen wunderschönen Ausblick, Küche und eine Feuerstelle (etwa 25 € pro Person/Nacht inklusive Frühstück und Feuerholz; Anfragen über info@imiksimik.nl). Oder in der Hütte des französischen Alpenvereins (CAF) tiefer im Ort (20 € pro Person/Nacht, ohne Frühstück; im Sommer nur 12 €; Anfragen an rachidchalouka@gmail.com).

Foto: Babs van Buuren
Bouldern im Sektor Back Yard.

Verpflegung & Ausrüstung
?Tajine, Tajine und noch mehr Tajine. Und Eier. Ihr wohnt in einem kleinen Dorf, die Auswahl an Gerichten in den Restaurants ist begrenzt. Tajine ist ein traditionelles Gericht, das vor allem aus Gemüse und Fleisch (auf Wunsch) besteht. Zubereitet wird es in Tonschalen, welche die Nomaden als tragbare Öfen benutzen. Darin wird auch das ebenfalls empfehlenswerte marokkanische Rührei zubereitet. Alles was ihr bestellt, wird mit Brot und (wenn ihr nett seid) mit Oliven geliefert.

Im Ort gibt es einige kleine Shops, in denen man Basics wie Brot, Wasser, Dosenfisch und Süßigkeiten kaufen kann. Der Vorrat ist jedoch begrenzt und Lieferungen treffen nicht täglich ein. Wie überall in Marokko gibt es in diesen Shops keinen Alkohol. Kleine Mengen an Bier erhaltet ihr jedoch im CAF (2,50 € für 0,33 l) und im Hotel ChezJuju (4 € pro Bier).

Boulderausrüstung ist in Marokko nicht erhältlich. Einige Mad-Rock-Crashpads sind deponiert, diese können geliehen werden. Die einheimischen Händler haben etwas Chalk zum Verkaufen, jedoch sehr limitiert. Fragt im „Cafe Restaurant Imiksimik“ nach.

Alternativprogramm
Alte Felsmalereien, Schmetterlinge oder Astronomie begeistern euch? Dann habt ihr perfekte Alternativen in Oukaimeden. Andernfalls könnt ihr euch bei Jeremy Jones (climbmorocco.com) nach Möglichkeiten zum Sportklettern umhören. Die Gegend ist perfekt zum Wandern und Mountainbiken, im Nachbartal gibt es großartige Canyoning-Möglichkeiten. Infos dazu bei Jonathan (espritvertical.com).

Der Imik’simik Trip
Im April/Mai miete ich mit Freunden das komplette Chalet, und jeder der Lust hat kann sich der Gruppe anschließen. Ob Tage, Wochen oder den kompletten Zeitraum spielt keine Rolle. Wir sind meist eine große Gruppe von Kletterern aus der ganzen Welt, 2017 waren die USA, Portugal, Zimbabwe, Frankreich, China, England, Spanien, Holland und Deutschland vertreten. Schreibt einfach eine Mail an info@imiksimik.nl, dann können wir einen Platz in Chalet und Auto reservieren und absehen, ob wir genug Crashpads haben. Während des Trips seid ihr völlig frei, es gibt kein Programm. Nur Bouldern! Der nächste Imik‘simik-Trip findet vom 6. bis 29. April 2018 statt.

Bouldertrip Imik'simik nach Oukaimeden


Infos
Ein Topo für Oukaimeden ist in der Rakkup App erhältlich (rakkup.com, iOS und Android; Basis-App kostenlos, die In-App kostet 10,99 €). Falls ihr zum Entdecken und Erstbegehen kommt, werden eure Boulder danach eingetragen. Das komplette Topo ist offline verfügbar, mit GPS Daten, Fotos und integriertem Navigationssystem in den Sektoren. Momentan sind 700 Probleme enthalten, im nächsten Update werden circa 100 dazukommen.

Sonst noch?
Die Menschen in Oukaimeden leben einfach. Die Gegend um das Dorf herum dient Schäfern mit ihren Schafherden als Weidegrund. Nicht nur deshalb sollte man keinen Müll zurücklassen. Bitte bouldert nicht an den Unterständen der Schäfer (provisiorische Hütten) und achtet darauf, etwaige Weidebegrenzungen wie Zäune und Mauern nicht zu beeinträchtigen.

Weitere Info unter imiksimik.nl

Die besten Sektoren in Oukaimeden

Foto: Babs van Buuren
Michelle probiert das 'Turkish Bread' (6B) im Sektor Bakery.

Bakery
In Laufdistanz zum Ort, eignet sich perfekt für eine Nachmittagssession. Die Boulder befinden sich an einem Hang mit tollem Blick über Dorf und See. Hier wurden bislang die meisten Boulder (135) eröffnet, darunter einige Highballs. Tipp: Pocket Rocket (7C).

Babylon
Einige Blöcke liegen direkt am östlichen Ufer des Sees, die meisten der knapp 90 Boulder befinden sich aber auf der anderen Hügelseite. Wer dem Flussbett folgt, findet noch einiges an unberührtem Fels. Vorsicht: Viele Hirten haben hier ihre Hütten. Dies sollte von allen respektiert und beachtet werden! Tipp: Sinkcrimper (7B), Yolo (6B+).

Rivers
Ausgedehnter Sektor entlang des Flusses. Dank dessen Rauschen und der grünen Wiesen herrscht hier eine spezielle Atmosphäre. Rund 40 Boulder, riesiges Potenzial und auf jeden Fall einen Besuch wert! Tipp: Splash (7A+), Up the block or down the river (6B+).

The Colony
Sieben Kilometer unterhalb des Dorfes findet sich dieser kompakte, flache Sektor mit 40 abwechslungsreichen Bouldern. Die Platten, Kanten, leichte Überhänge und etwas höhere Blöcke eignen sich perfekt für eine Session am Morgen. Hier ist es etwas wärmer als in den anderen Sektoren, allerdings wird der Sektor als erster von den häufig aufziehenden Wolken in Schatten gehüllt, während anderswo noch die Sonne scheint. Tipp: Structure and Direction (6B).

Sheperds
Heimat einiger hoher Blöcke, die schon von der Straße aus sichtbar sind und den Highball-Fans ein Lächeln ins Gesicht zaubern werden. Auch wenn hier schon relativ viele Boulder (55) eröffnet wurden, ist noch einiges an Potenzial vorhanden – vor allem an kleinen, abschüssigen Leisten und Fingerlöchern. Tipp: High Society (6C, expo), Don’t skip school kids (7B).

Friends
Über 70 Probleme, das große Potenzial für schwierige Linien, sehr solider Fels und die atemberaubenden Aussicht machen diesen Sektor zu einem der besten in Oukaimeden. Tipp: Mmeeh (6B), Hidden Gem (7A), As you wish (7C, expo).

Plato
Bis jetzt der einzige Sektor auf der Nordwestseite des Gebirgszuges, direkt hinter Oukaimeden. Der Sektor mit 65 Bouldern und der höchsten Konzentration an Blöcken pro Quadratmeter ist komplett flach, ebenso der Zustieg. Vor allem bei Sonnenuntergang ist die Aussicht großartig. Perfekt für alle, die abends noch Haut und Power haben. Tipp: Walou (6A), Lumia (6B)

Back Yard
Klein, aber fein ist dieser Sektor direkt im Ort. In Gehdistanz zu allen Unterkünften warten hier inzwischen über 130 Boulder und dank Leon Scholl auch die erste 8A Marokkos: All Alone. Tipp: Dutch Work Orange (6B), Captain Cutloose (7B), Bloody Pinky (7B)

Tagant
Hier kann der einzige Wald Oukaimedens samt Blick auf die 4000er des Hohen Atlas genossen werden. Es warten unzählige offene Projekte. Der Sektor eignet sich perfekt für wärmere Tage.

Foto: Babs van Buuren Bouldern in Marokko: Oukaimeden nahe Marrakesch
Keoma Jacobs-Moed.

Der Autor

Keoma Jacobs-Moed ist Niederländer und Historiker, der seit einigen Jahren für NGOs in Afrika arbeitet – derzeit in der Demokratischen Republik Kongo. Aufgrund des Mangels an Felsen plant er aber seine Rückkehr nach Europa. Mit dem Klettern und Bouldern begann der 31-Jährige 2007. Er ist der Autor der Führer-App für Oukaimeden und betreibt die Webseite imiksimik.nl.