Klettern am Gardasee

Arco: Kalk und Capuccino

Arco Tipps: Klettern am Gardasee
Foto: Irmgard Braun

Arco ist fürs Klettern legendär, egal ob Sportklettern oder Mehrseillängen. Wie sich dort ein perfekter Mini-Kletterurlaub verbringen lässt, verraten wir hier.

Artikel von Irmgard Braun

Ein Rezept für Arco? Braucht's das?

Eigentlich kann man ja kaum was falsch machen. Man nehme einfach: eine ungerecht unüberschaubare Masse an Fels, zu großen Teilen gut bis super; eine ungerechte Verteilung des Schönwetteranteils im Jahresverlauf; einen Haufen unebenes Gelände in der Umgebung; eine perfekt adaptierte Infrastruktur mit Pizzerias, Eisdielen, Cafés, Kletterläden und Frischfisch-Theke im Supermarkt, alles mit fast schon mediterraner Anmutung in ein Dorf gepackt und zu Fuß oder per Rad erreichbar, dazu ein paar Palmen und ein unweit gelegener See zur Garnierung – mit diesen Zutaten kann man je nach persönlichem Gusto ein großartiges Kletter-Erlebnis-Menü zaubern.

Es sei denn, man ist ein Miesepeter und will sich unbedingt aufregen über die Atmosphäre einer Outdoor-Kletterhalle, die Ganzjahres-Event-Stimmung, über Gedränge in der radlergefährdeten Fußgängerzone. Trotzdem tragen auch die Skeptiker immer mal wieder ihren Anteil zu den Besucherscharen (und der in einigen Gebieten spürbaren Fels-Abnutzung) bei, denn zumindest für die südostdeutschen Kletterer gibt's nicht viel Besseres für einen sonnigen Wochenend-Kurzkletterurlaub, und bei Schlechtwetter in den Dolomiten hat man eh keine Wahl.

Klettertrip nach Arco

Foto: Irmgard Braun
Klettern im Qualitätskalk von Arco.

Wie also gehen wir ihn an, unseren Viertagesurlaub? Andi und ich sind Sportkletterer mit gelegentlichen Anwandlungen von Ehrgeiz – das heißt, wir klettern meistens etwas unter der Leistungsgrenze vor uns hin (on sight, auch gerne mal gut gesicherte Mehrseillängen-Routen), aber manchmal ziehen wir uns auch an Projekten die Finger lang.

Zum Einklettern am Anreisetag ist in den kühleren Monaten Sonne gefragt. Noriglio böte sich an, draußen bei Rovereto, wo man von der Autobahn abfährt. Eine Terrasse hoch überm Tal mit Sonne bis am späten Nachmittag und großzügigen, teils etwas fingerigen Routen. Auch auf Nago scheint die Sonne bis halb fünf; rund 150 Routen bietet der langgestreckte Felsriegel, teils recht abgegriffen, trotzdem immer wieder schön – aber das wissen (und nutzen) viele.

Wir entscheiden uns für Piazzole: Ein gründlich aufwärmender Zustieg bringt uns zu diesem neuen Fels, der mit Unterstützung der Touristiker eingerichtet wurde, weshalb im vorderen Sektor alle Routen nach Gewinnern des legendären Rockmaster-Wettbewerbs benannt sind. Bevor wir uns an die schönen Wasserfraßlinien und an die pfiffigen Sinterzüge von Ramon King of Lead (6c) machen, grooven wir uns im rechten Sektor ein, einer dunkelgrauen, senkrechten 30-Meter-Platte mit Leisten und Chickenhead-artigen Auswüchsen – elegantes Stehen und Tänzeln mit Gardaseeblick vom Umlenker.

Kampf mit dem Projekt

Foto: Irmgard Braun
Das Wahrzeichen von Arco, die Burg.

Danach decken wir uns im Supermarkt ein, beziehen unser Appartement und genießen Schwertfischsteak mit Ingwer, Zucchiniblüten und einen fetten Gewürztraminer. Der Cappuccino zum Dessert ist nur einen Fußmarsch entfernt. Das „Conti“ ist Treffpunkt der Kletterer – und tatsächlich sitzen einige Freunde da, die auch das verlängerte Wochenende nutzen, Weißbier und Spritz auf dem Tisch.

Heinz und Claudia, zwei Genusskletterer, die sich „wegen dem super Frühstück“ im Hotel Al Sole einquartiert haben, schwärmen von den sanierten, langen und sonnigen Routen in Coltura und dem Hirschragout im „Alla Lega“. Kurt und Günther, die Alpinisten, stehen mit ihrem Bus im Camping Arco und haben im Pizza-Mekka „Pace“ gegessen. Heute haben sie zum Warmlaufen den aus ihrer Sicht sehr gut abgesicherten Archangelo an der Coste dell'Anglone geklettert – „wahrscheinlich die geilste Route dort, mit tollen Sintern und Tropflöchern“, erklärt Kurt.

Am nächsten Tag wollen wir den Kampf mit einem Projekt aufnehmen, und zwar in der riesigen Muschel von Massone. Hier heißt es ran an den Speck, die meisten Routen sind dort 7b oder schwerer. Statt uns an den extrem verbrauchten Routen des Hauptsektors aufzuwärmen, machen wir einen schnellen Mehrseillängen-Trip: Penelope (200 m, 6b+) an der Wand von San Paolo bietet eine traumhafte 60-Meter-Verschneidung, dann Flowklettern und zwei kurze knackige Stellen. Danach Brotzeit, Siesta, Espresso, und mit dem Schatten laufen wir um drei Uhr an den Sintern und Kratzerleisten des Abissi-Sektors von Massone ein; Andi kann endlich seinen Gameboy (7b) punkten, der Ultraklassiker Beach Boys (7b) ist leider so gut wie nie frei.

Klettersteig am Gardasee

Foto: Irmgard Braun
Zurecht berühmt: die Wände von Nago.

Diesen Abend trifft man sich im „Caffé Trentino“. Alle bestellen Spritz und hoffen, dass dazu Häppchen geliefert werden, aber ob das klappt und was es sein wird, lässt sich nie voraussagen. Das gehört neben der Anzahl der Sportgeschäfte (man versuche mal, sie zu zählen – sind es 9 oder 11?) eben zu den Geheimnissen von Arco.

Unsere Genießerfreunde Heinz und Claudia haben sich heute nach Nago gewagt, wo die fantastisch positiven Griffe seit den 80er Jahren deutlich an Spitzigkeit eingebüßt haben. Doch die beiden sind begeistert: Sie fanden eine erst viel später eingebohrte, geneigte Wand mit vier langen Routen zwischen 5b und 5c. Nilo il bello und Co. sind für Genusskletterer ein Muss! Kurt und Günther kommen etwas später; die 800-Meter-Tour L'Aspettativa dei Mondi superiori von Heinz Grill am Monte Brento und der Abstieg haben sie etwas länger beschäftigt.

Nach den knallharten Moves in Massone sind wir erst mal platt und brauchen morgen Erholung. In Frage käme der Klettersteig-Klassiker „Via dell'Amicizia“ direkt über Riva: senkrechte Leitern mit Seeblick, aber viele Leute. Eine Alternative wäre die „Via del 92. Congresso“ am Monte Baone, ein sogenannter „sentiero alpinistico“: herrliches Kraxeln bis höchstens zum dritten Grad an karstlöchrigen Aufschwüngen. Wir entscheiden uns schließlich für die ungewöhnliche „Via degli Contrabbandieri“, den Schmugglersteig: Auf fußbreitem Pfad geht es durch einen Steilhang hoch überm See, es folgen eine Hängeleiter, eine ausgesetzte Schluchtquerung, und dann wandert man hinter Steinschlagnetzen entlang – etwas für schwindelfreie Kenner.
Bevor wir uns mit allen zum luxuriösen Abend­essen im „Ritratto“ treffen, schlendern wir noch durch die Stände des Sportfestes, das gerade stattfindet. Fast jedes Wochenende ist in Arco etwas Spezielles los: Sportfest, Tanzfest, Bonsai-Ausstellung, Marathon … Das Vier-Gänge-Menü gibt dann genug Zeit zum Erzählen und Planen für den letzten Tag.

Claudia schwärmt von ihrer Mehrseillängen-Erfahrung: „In den Platten unterm Piccolo Dain reihen sich sonst die Seilschaften aneinander. Aber wir waren schon um sieben am Einstieg und hatten die Wand ganz für uns. Und danach haben wir noch oben am Dain die Amelie drangehängt, total ungewöhnliche Verschneidungsklettereien, einfach cool!"

Die beiden müssen morgen schon früh daheim sein und wollen noch ein paar Seillängen in den senkrechten Dolomitlochwänden von La Vela bei Trento klettern. Kurt und Günther haben endlich die Fiore di Corallo abgeknipst, die letzte Linie, die Kurt in der Wand von Mandrea noch gefehlt hat. Die früher gefürchtete Route „lässt sich eigentlich super mit Friends absichern“, behauptet er. Morgen wollen sie sich auf ein echtes alpines Abenteuer einlassen, die Maestri-Verschneidung bei Limaro, vom Cerro-Torre-Visionisten 1957 in vier Tagen eröffnet und laut Führer „als klassisch zu bezeichnen mit … dem brüchigen Fels und der schlechten Absicherung“ – na, da drücken wir ihnen die Daumen.

mit Glücksgarantie

Wir wollen am letzten Tag noch mal Spaß haben an schöner Aussicht und geilem, gut gesichertem Fels. Dazu passt das Gebiet „Belvedere“: Hoch überm Gardasee locken dort relativ frisch eingebohrte, leichte Platten, ein Produkt der neuen Kletter-Initiative der Arcinesen, und ein Sektor mit tollen Routen im achten Grad, die schon etwas speckig sind. Aber wenn am späteren Nachmittag der Schatten reinkommt, stimmt der Grip – und ob die Rotpunktversuche nun klappen oder nicht: Wenn man hier oben klettert und dann hinabschaut auf die weite blaue Fläche des Sees zwischen den Bergen, dann fällt es leicht, glücklich zu sein.

Foto: Irmgard Braun Arco Tipps: Klettern am Gardasee
Irmgard Braun genießt am Ruhetag einen Klettersteig.

Die Autorin

Irmgard Braun, Jahrgang 1952, hat einmal Mathematik und Bildende Kunst studiert und als Lehrerin gearbeitet. Doch dann begann sie mit dem Klettern. In den Achtziger Jahren zählte sie zu den besten deutschen Sportkletterinnen. Ihr gelangen verschiedene Erstbegehungen, zum Beispiel 1984 im Oberen Donautal Kater Garfield (8) und auch hochalpine Routen wie die Les Droites-Nordwand und die Solleder-Führe in der Civetta-Nordwestwand. Mittlerweile ist sie Autorin von Berg-Krimis. Mehr zu Irmgard unter www.irmgard-braun.de

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