Fontainebleau im Winter

4 Wochen Bouldern in Bleau

Bouldern Fontainebleau
Foto: Rico Haase

Vier Freunde verbringen vier Wochen in Bleau. Protokoll eines Boulder-Urlaubs: Was passiert, wenn man mal länger in Fontainebleau bouldert.

Bouldern in Fontainebleau: Info zum Bouldergebiet und die Story von vier Freunden, die vier Wochen in Bleau gebouldert haben. Der Artikel erschien in KLETTERN 01-2019

Info: Bouldern in Fontainebleau

Allgemein: Der Sandstein von Fontainebleau ist fein und großartig. Tausende runde Blöcke mit markierten und unmarkierten Bouldern warten rund um Fontainebleau. Das Gebiet wird auch von Wanderern und Besuchern aus Paris frequentiert.
Lage: Rund 70 Kilometer südlich von Paris. Den meisten Boulderstoff findet man rund um Fontainebleau und südwestlich davon im Gebiet Trois Pignons. Etwas abseits warten bei Larchant, Nemours und Buthiers weitere Gebiete.

Foto: Sarah Burmester
Kat klettert 'La medaille en chocolat' (Fb 6C) in Apremont.

Felsen: Kletterer aus aller Welt pilgern nach Bleau, daher sind einige Felsen schon etwas abgespeckt. Der Sandstein bietet hauptsächlich Sloper und Leisten, es finden sich aber auch Löcher und Risse. Es herrscht senkrechte und plattige Kletterei vor, Überhängendes oder Dachboulder sind vergleichsweise selten. Generell ist die Kletterei sehr technisch, an den Ausstiegen wird es oft rund und grifflos. Das Absprunggelände ist meist gut.
Wichtig: Vor jedem Start sollte man die Sohlen der Kletterschuhe gründlich vom Sand befreien, damit der Fels nicht noch weiter glattgeschliffen wird. Dafür Lappen oder Teppichstück einpacken! Nur weiche Bürsten benutzen.
Beste Zeit: Von Oktober bis April. Ob man die Sloper des Sandsteins gut halten kann, ist stark von den Bedingungen abhängig. Im Winter kann man gute Reibung vorfinden, die Wahrscheinlichkeit von anhaltend schlechtem Wetter ist aber ebenfalls groß. Fürs Parcoursklettern sind auch Mai und Juni sehr zu empfehlen – die Tage sind lang, und der Wald ist leuchtend grün.
Übernachtung: Ferienhäuser über www.gites-seine-et-marne.com oder Camping, z.B. in Milly-la-Forêt „La Musardière“ oder in Bourron-Marlotte „Les Prés“.
Kriminalität: Durch die Nähe zu Paris sind die Parkplätze der Bouldergebiete etwas gefährdet. Man sollte keine Wertsachen im Auto lassen.

Story: Vier Freunde, vier Wochen im Boulder-Paradies

Schnaufend saß er auf dem Block. Gerade hatte er die Züge über die fiesen Leisten, den unmöglich hohen Tritt und die seichten Ausstiegssloper geschafft, und der Puls raste noch. „War das jetzt von unten?“ fragte er uns ungläubig. So gefordert hatten ihn die Züge, dass er sich nicht erinnern konnte, ob er den Sitzstart vorne angehängt hatte oder wie beim Ausbouldern zuvor erst mit der Leistenpassage gestartet war. Wir konnten Nils beruhigen: Ja, das war von unten. Les Jérémiades (7A+) waren besiegt. Langsam gewöhnten sich unsere Körper an die spezielle Kletterei von Bleau. Doch von vorn.

Foto: Rico Haase
Kompression und Dynamik braucht Nils in 'Le Flippeur' (7a) in Roche aux Sabots.

Wie vielen anderen Bleau-Liebhabern war uns im Vorjahr auf einem unserer Kurztrips ins Boulderparadies Fontainebleau klar geworden, dass wir immer, wenn wir uns gerade an den speziellen Kletter-Style des Sandsteins gewöhnt hatten, wieder nach Hause mussten. Gerade, wenn man sich auf den Reibungstritten wieder wohlfühlte, gerade, wenn die Motivation wieder aufbrandete, die Projekte kurz vorm Gelingen standen, das Herz für die Kletterei in Bleau flammend loderte – heim. So schmiedeten wir den Plan: vier Wochen Bouldern! Wir sammelten Urlaub und Überstunden, erklärten unseren wenig begeisterten Chefs, dass diese Aktion keine Widerrede duldete und trugen den Monat Bouldern in den Kalender ein.

Die Frage, wann wir fahren wollten, klärte ein Blick aufs Klimadiagramm: Temperaturen unter 20 Grad und wenig Niederschlag lautete die gewünschte Kombination, und der November bot dafür zumindest statistisch gesehen die besten Aussichten. Wir landeten in Barbizon, dem legendären Maler-Dorf. Dumm nur, dass das Badezimmer der Gîte an eines der zwei Schlafzimmer anschloss. Das merkten wir leider erst, als wir ankamen, also zu spät. Wir sollten aber noch einige andere Dinge herausfinden.

Foto: Sarah Burmester
Die Bürste macht's: Bei delikaten Platten möchte man kein Chalk zuviel auf den Griffen haben.

Nicht trainieren macht nicht stark

Wir starteten in Apremont, das aufgrund seiner Nähe zur Gîte (20 Minuten Fußmarsch) zu unserem Hausgebiet werden sollte. Am ersten Tag, das war klar, stolperten wir herum wie die ersten Menschen. Den Füßen wurde grundsätzlich misstraut, daraus resultierten sehr anstrengende orange Boulder. Platten fühlten sich äußerst gruselig an, außerdem war es ganz schön kalt. Ich schaffte es sogar, wegen Koordinationsmangel wie eine fehlgeleitete Flipperkugel nacheinander gegen zwei engstehende Blöcke zu laufen, anstatt einfach zwischendurch zu gehen.

Doch über die Tage wurde es besser. Nach und nach blieben die Füße stehen, wo sie sollten, und wir hörten auf, sie ständig nachzuruckeln, wie man das üblicherweise mit den Griffen in der Halle macht. Die scharfen Leisten fühlten sich nicht mehr so scharf an, das Slopergepatsche wurde koordinierter und so einige gewälzte Walross-Ausstiege sorgten für Heiterkeit. Der erste Regentag kam rechtzeitig für eine Ruhepause. Erkenntnisse der erste Woche: Nicht trainieren macht definitiv nicht stark, wir essen ungefähr doppelt so viel wie wir gedacht hatten, und das Temperaturempfinden in Räumen ist bei uns Vieren individuell sehr unterschiedlich ausgeprägt. Es sollte sich einbürgern, dass eine von uns den Ofen fütterte, während die andere zum Lüften überging und alle Fenster aufriss.

Bouldern in Bleau: Info und Geschichte des berühmten Bouldergebiets

Dünne Haut und schlaflose Nächte

Nach den ersten kalten Tagen Ende Oktober wurde es wieder wärmer, was leider auch mehr Niederschlag bedeutete. Zwei mal wurden Nils und ich nass, kaum hatten wir uns aufgewärmt. Dann wurde es besser. Wir projektierten mehrere Tage in Apremont, kletterten den blauen Parcour in St. Germain. Dann projektierten wir wieder in Apremont, zwischendurch in Mont Pivot, Gorge aux Chats und 91.1, und die ein oder andere 7A oder gar 7A+ fiel. Die Haut der Fingerkuppen wurde dünner, und einige von uns kämpften mit schlaflosen Nächten vor lauter Boulderfieber. Zum geflügelten Wort wurde „ssauge mit de spitse“, das ein befreundeter spanischstämmiger Boulderer in Berlin geprägt hat, und das anschaulich umschreibt, was wir mit unseren Füßen versuchten. Es gelang gelegentlich, tatsächlich gaben nun öfter die Arme nach als die Füße.

Wir planten, einen roten Parcour anzugehen und landeten in Franchard Sablons. Ich dachte, vielleicht ist es schlau, den Parcour kurz abzulaufen, bevor man loslegt. Definitiv nicht! Denn wir waren danach – noch kalt und vom vorherigen Klettertag ermüdet – völlig eingeschüchtert. Es wurde der blaue Parcour. Nach den ersten zwei Wochen erreichte uns nach diesem Abend eine Regenphase, und wir waren dankbar, ein Paar Tage Pause zu bekommen, ohne dass wir das Gefühl hatten, etwas zu verpassen.

Gefahren des Boulderns

Schon am zweiten Tag schockte Melle den Rest des Boulder-Quartetts, als es ihr gelang, beim Runterfallen mit einem Toe-Hook hängenzubleiben und mit dem anderen Fuß knapp vor dem Crashpad auf dem Fels zu landen. Eine schmerzende Ferse war das Resultat, doch Arnika-Salbe und etwas Ruhe halfen bald. Später, am ersten Ruhetag in der Halbzeit-Regenpause, gab es für mich ein unangenehmes Erwachen: Morgens schmerzte mein linker Arm so stark, dass ich ihn nicht mehr anheben konnte. Vielleicht darauf geschlafen? Abwarten. Doch als nach den Regentagen wieder Bouldern anstand, wollte der Arm immer noch nicht. Ich fing an, unruhig zu werden. Selbstmassage mit einem Tennisball, Arnikasalbe und Massage von Kat halfen zwar, doch der Gesamtzustand blieb bescheiden. Zwei Tage begleitete ich die anderen, und drei Versuche in gelben Bouldern machten klar: Der Arm weigert sich.

Foto: Sarah Burmester
Bouldern mit Luft unter sich: Melle toppt die Kante links von 'Maité' in Gorge aux Chats.

Handbremse im Kopf
Schließlich fand ich eine Kinésithérapeute, was französisch ist für Physiotherapeut(in). Sie traktierte mich eine Stunde lang, danach konnte ich immerhin wieder ein Glas heben. Die Tage danach schmerzte der Arm mal mehr (dann warf ich Ibuprofen ein), mal weniger (dann ließ ich mich von Tennisball und Kat massieren). Irgendwann traute ich mich wieder zu bouldern. An dem Tag gelangen immerhin noch zwei Boulder von der Projektliste. Danach tat der Arm natürlich wieder weh, doch ganz ohne Versuch hätte ich wohl auch gehadert. Im Nachhinein stellte sich heraus: überlastete lange Bizepssehne. Gelernt: Nächstes Mal noch mehr Ruhetage einplanen! Und: Es ist durchaus eine Herausforderung, zwei Wochen in Bleau rumzuhängen und nicht bouldern zu können, weil man eine angezogene Handbremse im Kopf hat.

Erfolge befeuern das Zutrauen
Die Handbremse in Melles Kopf war anderer Art: Als technisch versierte, aber nicht so athletische Kletterin war es ihr ein Graus, wackelige oder dynamische Züge etwas höher überm Boden zu machen. An schlechten Tagen half all unser Anfeuern nichts, (sie kletterte so manchen Boulder lieber wieder ab) doch sie kam auch auf gute Tage. An denen gelang es ihr, in gut machbaren höheren Bouldern die Komfortzone zu verlassen und in der Folge mit dem neugewonnen Zutrauen ihre persönliche Bestleistung um anderthalb Font-Grade hinaufzuschieben. Ergebnis: Strahlen von Ohr zu Ohr.

Neu gewonnenes Zutrauen dank Erfolgen befeuerte auch Nils. Doch während er am einen Tag gleich mehrere 7As abhaken konnte, wollte am nächsten nichts mehr so recht gehen. Fazit: „Man kann es nicht erzwingen. Da hat mir die Demut und die Ruhe gefehlt, und vor lauter ‚Das muss jetzt gehen‘-Gefühl ist mir die Konzentration davongaloppiert.“ Auch Kat konstatierte nach ihrer Genesung ein verbessertes Bewegungsgefühl: „Man findet viel schneller die Methode!“ Eine weitere Erkenntnis für sie war, dass man als 157-Zentimeter-Frau auch mal von zwei gestapelten Pads starten kann. Ohne Zweifel hatte ihr die Sturheit, in der Vergangenheit einen Boulder immer dort zu beginnen, wo sie hinkam, einen Schatz an Kraft und Technik beschert – doch wird eine 7A wirklich unsäglich, wenn die Hauptschwierigkeit darin besteht, zu den Startgriffen hinzubouldern. Die Doppelpadlösung erschien uns fair, vor allem, wenn man die in Bleau stattfindende Boden-Erosion bedenkt, die manche Boulder regelrecht wachsen lässt. A propos Umwelt, wieso liegt vor den härtesten Bouldern eigentlich am meisten Unrat wie Tape-Reste und Müll herum? Gerade starke Boulderer sollten doch wissen, wie man sich im Wald benimmt?

Wie man sich irren kann
Bei vier Wochen, dachten wir, haben wir genug Zeit. Zeit, um in den Fontainebleau-Groove zu kommen. Zeit, um Ruhetage einzulegen, um laufen zu gehen, um Bücher zu lesen, um mal nach Paris zu fahren, vielleicht ins Museum zu gehen. Laufen hat einmal geklappt, ein oder zwei Bücher haben wir auch gelesen, und gegroovt hat es auch. Aber für Paris hatten wir definitiv keine Zeit!

Nach zwei Wochen stellten wir eine komprimierte Liste zusammen mit Blöcken, die wir unbedingt noch ansteuern wollten. Jeder hatte andere Wünsche, also durfte jeder zwei Punkte auf die Liste setzen. Die verbleibenden guten Tage teilten wir sorgfältig auf, wobei wir mehr als einmal statt der vorhergesagten Sonne einen dichten, feuchten Nebel bekamen. Am letzten Tag lief es ebenso, statt angekündigtem klarem Wetter stocherten wir im dichten Nebel auf der Suche nach trockenem Fels. Schließlich fanden wir am Nachmittag einen trockenen Boulder, der sogar auf unserer Liste stand. Klettern konnten wir ihn nicht. Trotzdem freuten wir uns wie Kinder über jeden Zentimeter Höhengewinn.
Unvollendete Projekte haben wir jetzt nach dem Trip jedenfalls mehr als vorher. Der nächste Urlaub ist schon geplant, denn eins ist klar: Vier Wochen Bleau sind nicht genug.

Foto: Sarah Burmester
Kleines Boulder-Päuschen in Apremont.