Mit Flugzeug auf den Everest

Verrückt genug zum Bergsteigen?

Mount Everest mit Flugzeug Fotomontage
Foto: Luca Galuzzi / Ron Clausen CC BY-SA

Dass man einen an der Klatsche haben muss, um Extremkletterer zu werden, ist für Normalsterbliche offensichtlich. Das Beispiel des Abenteurers Maurice Wilson hat dies schon vor 80 Jahren gezeigt.

Dieser Text erschien in KLETTERN 7-2018 in der Rubrik "Scharfes Ende"

Dass man zumindest leicht einen an der Klatsche haben muss, um Extremkletterer zu werden, ist für Normalsterbliche offensichtlich. Dabei sind die heutigen "Extremen" oft Waisenknaben gegen die früheren Exemplare dieser Spezies. Zumindest wenn man den Briten Maurice Wilson und seine Geschichte betrachtet.

Maurice Wilson wurde 1898 in England geboren. Als Jugendlicher fand er sich wie viele seiner Generation irgendwo im Schützengraben wieder, den er zum Ende des Ersten Weltkriegs zwar mit einer Tapferkeitsmedaille, aber auch mit einem durch eine Verletzung versteiften linken Arm verließ (schweres Maschinengewehr-Feuer).

Daraufhin begann er die Welt zu bereisen, lebte in Neuseeland und den USA, betrieb diverse Geschäfte und brachte einige Ehen hinter sich. 1932 kehrte er mit einem kleinen Vermögen nach England zurück. Und mit der Geschichte, dass er eine Lungentuberkulose dank Betens, Fastens und der göttlichen Hilfe einer Gruppe indianischer Heiler überwunden habe. Dieses Erlebnis hatte in ihm den tiefen Glauben gefestigt, dass er mit göttlicher Hilfe etwas Großartiges schaffen könnte.

Und was wäre großartiger, als den Mount Everest erstzubesteigen? Gut, Wilson hatte keinerlei Bergerfahrung – aber einen grandiosen Plan. Anstatt sich die Plackerei anzutun und irgendwo am Fuß des Berges mit dem Aufstieg zu beginnen, wollte er mit einem kleinen Flugzeug um die halbe Welt fliegen, die Maschine oben auf den Hängen des Mount Everest notlanden und dann das restliche Stück zum Gipfel stapfen. Gut, Wilson hatte auch keine Ahnung vom Fliegen. Aber sollten solche Kleinigkeiten einen Mann von einer großen Tat abhalten?

Wilson kaufte eine kleines Flugzeug mit offener Kabine und machte sich ans Werk. Er nahm Flugstunden beim London Aeroplane Club und erhielt nach einigen Monaten und einem kleinen Crash seine Pilotenlizenz. Wobei der steife Arm seinem Flugstil eher etwas Eckiges verlieh.

Nach einigen Wanderungen in Nordwales war auch die bergsteigerische Ausbildung abgeschlossen. Am 21. März 1933 konnte der große Trip in London beginnen.

Zum Gipfel des Mount Everest

Wilsons Maschine hatte eine Reichweite von rund 900 Kilometern. Die Flugroute orientierte sich daher an den Möglichkeiten, den Tank wieder zu füllen. Einen ersten Versuch, die Alpen zu überfliegen, musste Wilson abbrechen, beim zweiten klappte es. Durch ein dichtes Wolkenfeld ging es übers Mittelmeer, wo er tatsächlich wie gewünscht in Kairo ankam. Ein illegaler Überflug von Persien, den ihm die britische Botschaft in Kairo strikt untersagt hatte, führte ihn nach Westindien. Diese Strecke war so lang, dass die Tankuhr bei der Landung auf feuerrot stand.

Zu seinem Ärger setzten die Behörden in Indien sein Flugzeug fest. Dass damit Teil 1 seines großen Planes 'Notlandung am Everest' nicht mehr umsetzbar war, konnte Wilson nur kurz bremsen. Es verkaufte die Maschine kurzerhand und reiste einige Zeit später als Mönch verkleidet von Darjeeling nach Tibet ein.

Am 14. April 1934, ein gutes Jahr nach seinem Aufbruch von London, erreichte er das Rongpu-Kloster auf der Nordseite des Mount Everest. Um nach einem Ruhetag direkt den Rongpu Gletscher unterhalb des Mount Everest anzugreifen. Ohne jede Gletschererfahrung und auch ohne Steigeisen, dafür bei schlechter Sicht startete er Richtung North Col und erreichte eine Höhe von ungefähr 6500 Metern, eher er umkehrte.

Dieser erste Trip hatte neun Tage gedauert. Nach 18 Erholungstagen startete er den zweiten Angriff, dieses Mal nahm er zur Unterstützung zwei Sherpas mit. In drei Tagen erreichten sie seinen vorherigen höchsten Punkt (Camp 3 der vierten britischen Everest-Expedition 1933). Irgendwie glaubte Wilson, hier im Eis noch Stufen der Expedition aus dem Vorjahr vorzufinden. Dem war nicht so, und Wilson musste einen ersten Versuch, Camp 4 zu erreichen, abbrechen. Im Camp 3 beschworen ihn daraufhin die Sherpas, keine weiteren Versuche zu unternehmen.

Wilson ignorierte die Bitten der Sherpas und zog am 29. Mai 1934 ein weiteres Mal alleine los – er ward nie wieder lebend gesehen. Sein letzter Tagebucheintrag lautete: "Ich breche wieder auf, großartiger Tag."

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