Kammerlander Interview

Beat Kammerlander: Ein zähes Projekt

Beat Kammerlander klettert 'Kampfzone' im Rätikon
Foto: Ray Demski

Kletter-Legende Beat Kammerlander über seine neueste Erstbegehung im Rätikon und über effektives Klettertraining mit Ende 50.

Interview von Steffen Kern

Sean Potter hat 2009 geschrieben, dass Europa deinem Küchentisch einen guten Teil der Entwicklung des modernen Kletterns verdankt. Was hat es mit diesem Tisch auf sich?
Den Tisch gibt es nicht mehr, wir haben einen neuen (lacht). Über meinen eigenen Tisch will ich aber ohnehin nicht selbst urteilen. Es geht ja um die Sicht meiner Gäste. An meinem Küchentisch können alle Freunde und Bekannten Platz nehmen. Und wenn die sich dort wohlfühlen, ist das doch das Schönste, was einem passieren kann! Gemeint ist wahrscheinlich, welcher intellektuelle Austausch hier stattgefunden hat und in welcher Freiheit gesprochen wird. Freiheit heißt unter anderem, dass jeder mal seine Hosen runterlässt und sich ehrlich darstellt und neu definiert. Denn oft ist die Eigendefinition nur das Ergebnis des Wunsches, wie man gesehen werden möchte. Wenn diese Scheuklappen wegfallen, ist das eine gute Ausgangsbasis für Weiteres.

Für Weiterentwicklung?
In der Möglichkeit eines emotionalen und freien Austausches liegt zumindest die Möglichkeit einer Weiterentwicklung.

Weiter in Dean Potters Aussage: „Die meisten Freunde von Beat sind Künstler, Wissenschaftler und sonstige Denker. Beat lockt ihr Potenzial (...) heraus, indem er aufmerksam zuhört.“ Bist du eine Art „intellektueller Katalysator“?
Ich denke gern nach. Dabei versuche ich, einen 360-Grad-Blickwinkel zu realisieren, wie meine Antworten aussehen könnten. Aber dir muss klar sein, dass egal, wieviel du nachdenkst, das trotzdem nicht viel wert ist. Weil es Menschen gibt, die geistig noch so viel weiter sind. Deshalb würde ich mich nie als Intellektuellen bezeichnen.

Beat Kammerlander über den Tod von Freunden

Dean ist nicht der einzige Mensch in deinem Freundeskreis, der nicht mehr lebt. Wie ändert sich die Einstellung zum Leben und zum Klettern durch den Tod von Freunden?
Das Leben hat sich dahingehend verändert, dass eine extreme Traurigkeit Platz eingenommen hat. Ich habe zwei sehr gute Freunde verloren. Dean und einen meiner allerbesten Freunde durch Selbstmord. Ich wusste, dass er suizidgefährdet ist, habe alles probiert, ihm zu helfen, aber es ist trotzdem passiert. Dieses Unvermögen, dass ich nicht helfen konnte, macht mich sehr traurig. Die Einstellung zum Klettern hat sich viel mehr durch die Familie verändert, durch die Verantwortung, dass ich Kinder habe. Deshalb gilt: Indem ich auf mich selbst achte, achte ich auf alle – damit ist der Kreis geschlossen.

Free solos sind heute also tabu?
Ja, schon. Es ist einfach keine Motivation mehr da, etwas Schwieriges free solo zu klettern. Weil das Gefahrenpotenzial sehr groß ist. 1999 wäre ich beim Free solo von Mordillo (10-) bei einem Fehler definitiv tot gewesen. Heute denke ich: Verdammt, damals hast du dein Leben richtig aufs Spiel gesetzt! Als spätberufener Vater sollte man schon etwas Respekt vor dem Leben haben. Das spielt auf jeden Fall zusammen.

Gibt es sonstige Tabus als Papa?
Tabus vielleicht nicht, aber ich führe ein viel strukturierteres Leben. Deutlich weniger Partys (lacht). Mein Lebenswandel war früher schon einiges wilder. Aber das tut mir natürlich auch gut.

Beat Kammerlander: "absolute Perfektion der Bewegung"

Du giltst als sehr freiheitsliebend. Fühlst du dich nach wie vor frei?
Natürlich habe ich jetzt Pflichten, und Verantwortung gegenüber den Kindern. Das ist eine allem übergeordnete Notwendigkeit. Und klar, die Möglichkeit, so zu reisen wie früher, das gibt es momentan nicht. Aber das stört mich nicht. So wie das Leben jetzt ist, ist es auch selbstbestimmt, ich kann es frei gestalten. Es war ja meine Freiheit, mir diese Situation auszusuchen. Ja, ich fühle mich frei!

Hat Klettern noch den gleichen Stellenwert wie früher?
Klettern ist mein Sportleben, hier ist mein Familienleben. Wenn’s um die Kinder geht, geht’s um die Kinder. Und das ist so viel wichtiger! Ich habe weniger Zeit zum Klettern und muss mir die Zeit besser einteilen. Aber ich habe auch so viel dazu gelernt in meinem Kletterleben. Durch die verschiedensten Verletzungen bin ich ein besserer Kletterer geworden. Nach meinem Bandscheibenvorfall haben mir die Physiotherapeuten Übungen gezeigt, mit denen ich gelernt habe, bisher nur unbewusst eingesetzte Muskeln bewusst anzusteuern. Dadurch habe ich gelernt, mich noch besser zu bewegen: die Reibung optimal zu nutzen, die Hüfte exakt zu positionieren, den Körper an den Fels zu schmiegen, zu fixieren und dann erst weiterzugreifen. Das sind ohnehin die Klettereien, die mir am meisten taugen: wo nicht nur die Power entscheidet, sondern wo eine absolute Perfektion der Bewegung gefordert wird. Sich nur hochzuhangeln, ist doof!

Nach „hochhangeln“ sehen die Fotos aus deiner jüngsten Krea­tion Kampfzone nicht aus. Als du 2013 mit der Erstbegehung begonnen hast, warst du noch nicht Papa. Könntest du dir ein solches Projekt heute noch vorstellen?
Ja klar! Jedes Projekt ist etwas komplett Neues. Es entsteht damit, dass du ein Stück Fels findest, das dich richtig motiviert. Und damit beginnt ein Abenteuer und eine eigene Geschichte. Allerdings bin ich viel rationaler geworden. In jungen Jahren galt für mich „Geht nicht, gibt’s nicht!“ Der endlose Optimist (lacht). Davon habe ich einiges verloren. Heute spüre ich besser, ob etwas gehen könnte, auch wenn das ganz weit weg ist. Ich bin ja nicht doof und suche mir ein Projekt aus, dass ich höchstwahrscheinlich nie klettern werde.

Erstbegehung nach der Meniskus-Operation

Wie hast du die Linie entdeckt?
Zum ersten Mal aufgefallen ist mir die Wand in einem Film auf einer Tourismus-Webseite. Dort gibt’s Flugaufnahmen, wo sie genau über diesen Pfeiler drüberfliegen. Da dachte ich: Wow, das sieht nach super Felsqualität aus! Dann war ich im Zuge unseres Restaurierungsprojekts der Burgerführe dort und habe von oben in die Wand geschaut. Das war Jahre vorher, aber es blieb mir in Erinnerung. Ich habe ja immer viele Erstbegehungsmöglichkeiten im Kopf. Da braucht es eine zeitliche Distanz, bis du merkst: Diese Idee verschwindet nicht. Und das war so eine. Erst dachte ich, dass das recht kletterbar aussieht. Dann steigst du ein und merkst, dass es viel schwerer ist als ähnliche Wandpartien im Rätikon mit der gleichen Steilheit und Optik. Und damit wurde es eine richtige Herausforderung, die Route überhaupt zu eröffnen. Wenn mehr Flugmeter als Klettermeter zusammenkommen – nicht nur, weil du‘s nicht klettern kannst, sondern auch, weil es keine Möglichkeiten zum Cliffen gibt –, dann wird schon die Erstbegehung ein richtig zähes Projekt. Für einen Haken in der zweiten Seillänge habe ich mir ein „Klebepad“ gebastelt, weil dort kein Cliff möglich war.

Ein Klebepad?
Aus einem Kevlarstoff habe ich ein Dreieck genäht, unten eine Metall­öse und ein Kabel fixiert und den Stoff mit Epoxidkleber bestrichen. Das habe ich zwar zuhause ausprobiert, als ich dann in der Wand dranhing, ging mir aber trotzdem ganz schön die Düse!

Wie lang hast du für die Erstbegehung gebraucht?
20 Tage vielleicht? Für die Rotpunktbegehung war ich dann über die Jahre bestimmt 25 mal dort oben. Zeitweise habe ich gedacht: Das kletterst du nie! Dass es letzten August geklappt hat, war eine große Überraschung. 2015 war ich schon mal nah dran. 2016 hatte ich dann Meniskus-OPs rechts und links. Drei Monate nach den OPs war ich wieder oben, aber das Wetter hat nie gepasst. 2017 bin ich fast wieder bei Null gestartet. Ich war im Winter viel bouldern und habe trainiert, aber um so eine Route rotpunkt zu klettern, brauchst du ordentlich Ausdauer und in diesem Fall auch viel Maximalkraft.

Erzähl‘ von deiner Begehung!
Die 8c, das ist die zweite Seillänge, ist sehr speziell. Wenn du sie geklettert hast, weißt du gar nicht mehr, wie du sie bewerten sollst. Aber solange du sie nicht klettern kannst, ist sie utopisch schwer. Du kletterst zuerst eine 8b+ bis zu einem guten Rastpunkt, dann kommt ein 8A+ Plattenboulder. Der ist technisch so schwer! Da kannst du noch so viel Kraft haben, wenn du das Gewicht nicht richtig verteilst und die Deadpoints nicht perfekt setzt, dann geht das nicht. Das ist ein richtiger „brain fucker“! Um dort reinzuklettern, muss dein Kopf komplett frei sein – ein falscher Gedanke, und die Füße poppen weg. In diesen Zustand musste ich erstmal wieder kommen. Beim Durchstieg waren an der Crux der ersten Länge (8b+) die Finger noch nicht genügend aufgewärmt für die kleinen Griffe. Deshalb bin ich nur bis zum Rastpunkt davor geklettert, habe mich wieder abgelassen und zehn Minuten gewartet. Dann lief alles super, aber plötzlich ist mir der Fuß weggeschossen. Da wusste ich: Okay, die Form ist gut, aber das Glück hat gefehlt. Nach einer Pause bin ich – zack – die Seillänge einfach durchgestiegen.

Aber die Crux kam ja erst …
Genau! Bis zum Rastpunkt lief alles souverän. Ich versuchte, mich zu konzentrieren. Dort hast du einen Henkel, kannst die Schuhe aber leider nicht ausziehen. Die ganze Kletterei ist immer eine Kombination aus extrem kleinen Griffen und extrem kleinen Tritten …

Old school!
Nein, das ist nicht „old school“! Ich würde eher „new school“ sagen (lacht). Die Bewegungen sind so abgefahren! Dann bin ich in den Boulder reingeklettert und fühlte mich super. Aber auf einmal ist mir doch der Fuß weggerutscht. Da denkst du: Das darf nicht wahr sein! So frisch und so fit war ich noch nie, und dann zupft’s mir diesen Haxen weg! Meine Haut war nicht mehr so toll, ich hatte ja schon einige Klettermeter hinter mir. Aber ich sagte mir, wenn ich’s nicht versuche, komme ich auch nicht rauf. Seil abziehen, halbe Stunde Pause. Und dann bin ich die Seillänge wie im Film mit perfekten Bewegungen durchgeklettert. In diesem Zustand „Es geht ja eh nicht mehr“, ohne jede Erwartungshaltung. Doch dann fing der „brain fuck“ erst richtig an.

Warum das?
Die nächste 8a+ ist extrem unsicher – komplizierte und diffizile Bewegungen, vor allem für meine Größe. Schlechte Reibungstritte, extrem kleine Griffe, es geht alles um die Kunst der Bewegung. Als ich loskletterte, fühlte ich mich immer noch richtig frisch. Dann kam ich an eine Stelle, die ich nicht mehr genau in Erinnerung hatte, und besetzte mit dem Daumen einen Mono, von dem ich sonst mit der anderen Hand weitergezogen habe. Ich habe das gar nicht gecheckt und dachte, vielleicht kann ich mich mit einem Dyno zum nächsten Griff retten. Doch es machte „flopp, flopp“ und beide Füße schossen weg. Da dachte ich wirklich: Scheiße, das darf nicht sein! Die schwersten Längen geklettert und doch noch gescheitert. Ich wusste, dass ich einen Fehler gemacht hatte, aber nicht genau, welchen. Deshalb boulderte ich die Stelle nochmal kurz aus und entdeckte den Fehler gleich. Seil abziehen, eine Viertelstunde warten, konzentrieren, nächster Versuch: und durchgestiegen!

War die Sache damit gegessen?
Leider nicht. In der fünften Länge (7c/7c+) wartet nochmal ein schwerer Boulder, wieder so eine unsichere Angelegenheit. Alles lief gut, bis zum Schluss eine Stelle kommt, wo du in einer seichten Delle auf Reibung antreten musst. Die Sonne stand genau in meinem Rücken, und ich habe diese Delle in dem harten Schatten einfach nicht gefunden. Ich dachte: Egal, stell den Fuß höher und zieh‘s einfach durch! Und wieder ist mir der Fuß weggeschossen. Da wusste ich: Jetzt wird’s knapp mit der Power. Beim nächsten Go lief der Boulder gut, aber oben musst du noch ungefähr 8+ rausklettern. Ich hätte keinen Zug mehr statisch machen können und habe mich die letzten fünf Meter mit Deadpoints rausgerettet. Da war ich bei jedem Zug kurz vor dem Rausfliegen. Das war reine Willenssache.

Beat Kammerlander über Training mit Ende 50

Du hast die Route mit 8c bewertet. Haben auch andere Leute reingeschnuppert und eine Einschätzung abgegeben?
Wie gesagt, die Route ist wirklich sehr schwer zu bewerten. Aber ich habe trotzdem den Mut, 8c anzugeben, weil ich denke, dass das passt. Es waren einige gute Kletterer mit mir in der Route. Bernd Zangerl war der einzige, der den Plattenboulder klettern konnte, aber auch nicht am Stück. Und es ist eben auch die Art von Kletterei, in der ich immer noch sehr stark bin. Außerdem konnte ich in den letzten Jahren meine Kletterform noch einmal deutlich steigern.

Wie macht man das mit Ende 50?
Trainieren ist für mich gleichzeitig Physiotherapie. Du kommst da­rauf, welche Übungen dir gut tun, und die baue ich konsequent in mein Klettertraining ein – auch wenn es mir mal nicht gut geht. Das kann man Konsequenz oder Sturheit nennen. In meinem Trainingsraum im Keller habe ich Boulder definiert. Die versuche ich zu klettern. Wenn ich sie hinbekomme, weiß ich, dass ich fit bin. Die meiste Zeit geht’s aber eh nicht, alle Boulder durchzusteigen oder das Ganze sogar im Zirkel zu klettern. Dazu mache ich – wie immer schon – Systemtraining mit zwei selbstkonstruierten Boards, die ich in verschiedensten Positionen einstellen kann. Und dann noch die Elemente aus der Physio. Seit den Knieverletzungen habe ich auch Übungen auf dem Wackel­board eingebaut, die mache ich in den Trainingspausen. Und natürlich draußen klettern. Wenn ich nicht so viel Zeit habe, fahre ich zu ein paar Felsen nur zehn Minuten von hier, wo ich mir ein paar schwere Bouldertraversen definiert habe. Da bin ich dann für zwei, drei Stunden und kann anschließend noch was anderes tun. Das ist für mich extrem effektiv.

Wie oft trainierst du pro Woche?
Maximal dreimal. Die Erholungsphasen sind eindeutig länger geworden. Ich kann auch mal zwei Tage hintereinander trainieren, aber dann brauche ich umso länger, um mich zu regenerieren.

Für viele junge Kletterer bist du nach wie vor ein Vorbild. Warum?
Wahrscheinlich, weil ich ein Leben vorgelebt habe mit aller Konsequenz. Man kann auf verschiedenste Arten eine Erstbegehung machen. Sich irgendwo hochbasteln, um einen höheren Grad zu erreichen, und dir dann irgendwann – wenn du fit genug bist – die Rotpunktbegehung abholen, das können viele. Aber das Gespür für ein schönes Stück Fels haben nicht so viele. Zum Beispiel die Felsqualität von Silbergeier oder New Age – das sind einzigartige Touren.

Beat Kammerlander: Stil, Ethos und bedeutende Momente

Wie genau sieht dein Erstbegehungs-Stil aus?
Von unten nach oben selbstverständlich. Auch nicht vorher reinseilen und erkunden. Mein Ideal ist, dass die Bolts dort sind, wo du gut stehen und die Haken gut klippen kannst, dazwischen musst du zwingend schwer freiklettern. Quasi der Elbsandsteinstil, so wie das Klettern entstanden ist. Das versuche ich, soweit wie möglich zu verwirklichen. Natürlich steckt auch bei mir mal ein Bolt im Schweren, wenn‘s nicht anders geht. Sich über schwierige Passagen von Bolt zu Bolt drüberzubohren, lehne ich für mich ab. So kommst du überall hoch! Ich sage aber nicht, dass alle es so machen müssen wie ich! Das Eröffnen ist für mich mindestens so wertvoll wie die Rotpunktbegehung. Wenn du in meinem Stil eine Route eröffnest, dann bist du der Erstbegeher, auch wenn du’s nicht punkten kannst.

Die Ziele für deine Erstbegehungs-Projekte hast du dir immer in der Heimat gesucht. Hat es dich nie auf Expeditionen gezogen?
Da fehlte irgendwie die Motivation. Klettern war mir immer wichtiger, als irgendwo rumzustiefeln.

Stichwort „wichtig“: Was waren besonders prägende Stationen in deinem Kletterleben?
Überhaupt mit dem Klettern zu starten. Diese Initialzündung, meine Höhenangst zu überwinden oder – besser gesagt – zu erkennen, dass es nur Einbildung war (lacht). Und die Freiheit, die aus dieser Erkenntnis entstanden ist. Da war ich 17. Dann wusste ich früher gar nicht, wie stark ich bin. Anfang der 80er-Jahre habe ich Fotos von Kurt Albert gesehen und dachte: Wow, was die Typen da machen, das ist so weit weg! 1984 bin ich dann in den Südlichen Frankenjura gefahren und konnte die schwersten Touren schnell klettern. Da hatte Sepp Gschwendtner gerade Zombie erstbegangen, eine der ersten 10-. Am ersten Tag habe ich sie ausgecheckt, am nächsten bin ich sie im ersten Versuch rotpunkt geklettert. Das war ein Aha-Effekt: Wow, du gehörst zu den Besten! Daraus ist ein Selbstvertrauen, eine Selbstsicherheit entstanden. Oder in den Verdon zu fahren und in einem Sommer die schwersten Routen zu klettern. Das hatte ich gar nicht vor, mir ist eigentlich immer eher zufällig etwas geglückt. Ein weiterer Meilenstein wäre vielleicht, dass ich irgendwann vom reinen Sportklettern die Schnauze voll und die Idee hatte, das ins alpine Gelände zu übertragen. Bei der Erstbegehung der Unendlichen Geschichte bin ich mit der Aufgabe gewachsen. Es wurde immer schwerer und ich dachte: Shit, das werde ich nie punkten! Dann trainierst du trotzdem das ganze Jahr, weil du doch im Hinterkopf hast „ich will das klettern“. Im nächsten Jahr gehst du hin, und am siebten Tag in der Route hast du auf einmal den Rotpunkt im Sack. Das war definitiv ein Highlight. Mit das Bedeutendste, was mir in meinem Leben passiert ist, sind aber die Kinder. Vorher kann man sich gar nicht vorstellen, was da für persönliche Veränderungen passieren.

Beat, bist du glücklich?

Was beeindruckt dich?
Das Kletterlevel von Adam Ondra, Alex Megos oder Alex Honnold. Freerider free solo zu klettern, hat mich schwerst beeindruckt. Was hat dieser Mensch für eine starke Psyche? Eine Seillänge free solo zu klettern, kann ich mir vorstellen. Aber diese Länge, diese Ausgesetztheit auszuhalten, ist wirklich jenseits meiner Vorstellung.

Was macht dich wütend?
Ungerechtigkeit. Ich empfinde mich nicht als politischen Menschen, aber ich habe einen sehr ausgeprägten Gerechtigkeitssinn.

Langsam gehst du aufs Rentenalter zu – hast du vorgesorgt?
(Lacht) Da schaut’s schlecht aus. Ich muss schon noch ein paar Jährchen abdienen. Natürlich habe ich auch mal Zukunftssorgen, aber das relativiert sich immer schnell. Weil ich mehr als zufrieden sein muss, wie es mir gesundheitlich geht. Ich bin dankbar und froh, dass ich noch so fit bin und hoffe, dass das noch ein paar Jährchen geht! Aber klar, in zehn Jahren wird das definitiv anders aussehen.

In welche Richtung könnte dein Kletterprofitum dann gehen?
Es macht mir auch Spaß, als Bergführer tätig zu sein und mein Wissen weiterzugeben. Ich denke, da bin ich relativ gut darin. Bisher mache ich nur ein paar Eiskletterkurse und private Führungen. Aber ich habe vor, das auszubauen. Im Winter möchte ich mit einigen Skiführungen – Skitouren und Freeride – etwas dazu verdienen. Das geht ja gut neben dem Training. Außerdem fahre ich sehr gern Ski, da habe ich also auch richtig Spaß!

Würdest du dich als glücklichen Menschen bezeichnen?
Was ist schon „Glück“? Das ist ja etwas Relatives. Zuallererst muss man wissen, worum es geht. Sich relativ frei zu fühlen, eine Bewusstseins­ebene zu finden, wie man sich spürt – da bin ich relativ stabil ausgestattet. Meistens bin ich ein zufriedener Mensch. Und ja, ich bin ein glücklicher Mensch!

Danke, Beat!