Bernd Zangerl

Reise ins Licht

Bernd Zangerl: vom Wirbelbruch zurück ins Boulderbusiness
Foto: Ray Demski | Red Bull Contentpool

2015 verletzte sich der Boulderer Bernd Zangerl schwer. Sein Weg zurück zum harten Bouldern führte ihn tief nach innen und hoch hinaus bis in den Himalaya.

Dieser Artikel erschien in klettern 6-2018.
Text: Bernd Zangerl

Der Morgen war bedrückend. Alexander, mein jüngerer Bruder, war zu Besuch, und wir philosophierten darüber, wie wir unser Leben führten. Seit meiner Rückenverletzung war ein Monat vergangen, und es war an der Zeit, ihm und meiner Familie einen Ausblick zu geben, wie es weitergehen sollte. „Es sieht momentan nicht so aus, dass ich Profikletterer bleiben kann“, erklärte ich ihm. Das war zumindest das, was die Ärzte sagten.

„Aber selbst wenn ich nicht mehr die härtesten Boulder klettern kann, werde ich andere Wege finden, um auf die Berge zu steigen. Klettern wird immer meine Leidenschaft bleiben“, sagte ich zu Alexander. „Ich gebe mir ein Jahr, um mich aufs Training und aufs Gesundwerden zu konzentrieren. Danach können wir uns noch einmal über meine Zukunft unterhalten.“

Ich finde es absolut wichtig, meine Motivation, meine Einstellungen und Überzeugungen, meinen Umgang mit der Angst immer wieder zu
hinterfragen. Die Alltagsmethode, mit der Angst umzugehen, ist sie zu verdrängen und wegzurennen. Aber das wollte ich nicht, jetzt, wo ich fürchtete, das harte Klettern aufgeben zu müssen. Ein Unfall zwang mich, das Leben, in dem ich mich als Profikletterer eingerichtet hatte, zu überdenken. Ich musste mich auf die Möglichkeit gefasst machen, nie wieder hart klettern zu können. Mein Verstand rotierte und suchte nach einem anderen Weg. Ich wollte eigentlich nicht über eine andere Art zu leben nachdenken, aber ich musste es. Ich konnte nicht klettern, schaffte nicht einmal einen Klimmzug, und es fiel mir schwer, das als Chance zu sehen. Aber ich wusste, dass es eine war.

Foto: Ray Demski | Red Bull Contentpool
Bernd Zangerl klettert 'Zangor' (7A) im gleichnamigen Gebiet im Himalaya.

Der Unfall in Cresciano

Manche sagen, ich hätte Glück gehabt. Ich bin 20 Jahre lang intensiv am Limit geklettert und gebouldert und hatte nur wenige schmerzhafte Unfälle und Verletzungen: als ich oben aus Midnight Lightning abrutschte und mir Fersen und Knöchel brach. Oder als meine Kniescheibe in der Boulderhalle zu Bruch ging. Aber irgendwie half mir das immer weiter, ich war jedesmal stärker nach einer Verletzung. Ich trainierte einfach viel am Campusboard in den felsfreien Zeiten.
2005 hatte ich dann einen Unfall, der mich lange außer Gefecht setzte. Sogar meine Freunde, mit denen ich damals unterwegs war, erschraken über das laute Geräusch, mit dem die Ringbänder in meinem rechten Ringfinger rissen. Der beste europäische Fingerspezialist erklärte mir, ich würde die Finger nie wieder aufstellen können. Das A1-, A2-, C1- und C2-Band waren zu 80 Prozent durchgerissen. Vier Monate später konnte ich immer noch nicht klettern. Nach einer MRT-Untersuchung empfahlen die Doktoren eine Operation, konnten aber nicht garantieren, dass sich dadurch wesentlich etwas verbessern würde.

Ich ließ mich nicht operieren. Stattdessen flog ich mit Fred Nicole und Mary Gabrieli in die Rocklands nach Südafrika und begann wieder zu klettern. Ich begann mit extrem leichten Bouldern. Ganz langsam und über Monate steigerte ich die Belastung und begann vorsichtig nach Bouldern zu suchen, wo ich nicht aufstellen musste. Bald fühlte ich mich an Zangen und Slopern richtig wohl. Zwei Jahre später waren meine Ringbänder wieder o.k. Mit meiner Erstbegehung von Anam Cara (8B+/C) in Österreich bewies ich mir selbst, dass MRTs nicht immer recht haben und dass selbst die besten Ärzte nicht alles wissen. Ich lernte, dass es am besten ist, wenn ich die volle Verantwortung für den Heilungsprozess übernehme und dabei alle Tipps bestmöglich berücksichtige.

Aber die Verletzung, die ich mir 2015 zuzog, war anders. Ich arbeitete an einer großartigen Linie in Cresciano im Tessin. Fast 17 Jahre lang war ich immer wieder an diesem steilen Granitpfeiler und seinen Leisten, Zangen und Slopern vorbei gelaufen. Irgendwann begann ich, die einzelnen Züge auszuchecken. Bald konnte ich den Anfang klettern, aber ich hatte keine Ahnung, wie ich den mysteriösen Mittelteil schaffen könnte.

An einem ganz normalen Tag rutschte ich, während ich einige Züge versuchte, von den Griffen und landete auf dem Crashpad. Allerdings nicht auf den Füßen, sondern direkt auf dem Rücken, so dass ich noch eine Rolle rückwärts in den steinigen Untergrund hinlegte. Zuerst spürte ich nur einen leichten Schmerz im Rücken. Ich packte zusammen und fuhr nach Hause. Ich hatte nicht das Gefühl, dass der Sturz etwas Ernsteres war. Ein paar Tage später wurde der Schmerz lästig. Eine Nacht lang konnte ich nicht schlafen und rollte immer von einer Seite zur anderen. Mein Kopf fühlte sich an, als ob jemand mit dem Hammer dagegen geschlagen hätte, und mein Nacken wurde immer steifer. Am nächsten Morgen schlich ich wie eine Mumie ins Bad. Ich schaute in den Spiegel und sah blutunterlaufene Augen. Es war Zeit, ins Krankenhaus zu gehen.

Nach der MRT erklärte mir der Arzt, dass ich großes Glück gehabt hatte. Ich hatte mich an der Wirbelsäule verletzt, ein bisschen mehr, und ich wäre gelähmt gewesen. Der fünfte Wirbel war gebrochen, der sechste ebenfalls angeknackst. Zwischen diesen beiden Wirbeln zweigen die Nerven zur Muskulatur in den Armen ab. Der Aufprall war so hart gewesen, dass auch einige kleine Nerven unterm Schulterblatt zerstört wurden. Ein paar Tage danach spürte ich meinen Daumen und Zeigefinger nicht mehr, dann begannen die Muskeln in meinem rechten Arm und in der Schulter zu zucken. Das war der Moment, in dem mein Gehirn aufhörte, Signale an diese Muskeln zu senden. Mir war klar, dass ich im Daumen und Zeigefinger kein Gefühl haben würde, bis der Nerv an der Wirbelsäule entlastet war. Aber zuckende Muskeln? Ich wusste nicht, was da passierte, und ich wollte es eigentlich auch gar nicht wissen. Die Muskelatrophie begann langsam, und es wurde immer schlimmer. Die Ärzte empfahlen eine Operation, aber wie bei meiner Fingerverletzung 2005 konnten sie nicht garantieren, dass es mir danach viel besser gehen würde. Ich verzichtete auf die Operation.

Foto: Ray Demski | Red Bull Contentpool
Bernd Zangerl beim lokalen Blumenfestival im Himalaya.

Die zu schwere Pfanne

Wenn dir genommen wird, was du liebst, beginnt die richtige Herausforderung. Und der physische Schmerz ist dabei noch das kleinere Problem. Viel schwieriger ist es, sich geistig auf die neue Situation einzustellen, die Depression, das Gefühl, dass dir dein Leben entgleitet. Um mich abzulenken, beschäftigte ich mit Büchern über indische Mythologie und Philosophie und entspannte bei langen Bergwanderungen. Immer wenn ich das Gefühl hatte, „mich selbst zu verlieren“, stieg ich auf einen Berg und genoss die Aussicht und die Weite.

Kochen half ebenfalls. Jedenfalls dachte ich das. Eines Morgens kochte ich Aloo Gobi, ein einfaches indisches Gericht mit Kartoffeln und Blumenkohl. Mit den richtigen Rezepten und Gewürzen – beides hatte ich von einem Bouldertrip aus Indien mitgebracht – ist es ein schmackhaftes und starkes Essen. Ich liebe indisches Essen und hoffte, diese Abwechslung würde meinen Alltag etwas glücklicher machen. Doch statt dem erhofften Glück wurde ich mit der harten Realität konfrontiert. Ich versuchte, die Eisenpfanne vom Herd auf den Tisch zu heben, aber ich konnte es nicht. Meine rechte Hand und mein rechter Arm hatten keine Kraft. Gar keine. Ich wusste, meine Verletzung war schlimm, aber nie hätte ich erwartet, dass ich meine Pfanne nicht mehr heben könnte. Gedankenverloren starrte ich auf mein Alu Gobi und trug es schließlich mit beiden Armen zum Tisch. Ich aß, aber es war kein glücklicher Moment.

Ich war aufgewühlt, aber ich musste mich selbst daran erinnern: sich aufregen hilft nichts. Das wäre nur eine Verschwendung meiner Energie. Und die brauchte ich dringend, wenn ich wieder zurück zum Klettern kommen wollte. Unser Dasein beruht auf Energie, und unsere Gedanken sind der tiefste Ausdruck davon. Mir war bewusst, dass negative Gedanken – wie zum Beispiel Zukunftsängste – destruktiv sind und den Heilungsprozess des Körpers stoppen können.
Deshalb dachte ich während dieser Zeit zum Beispiel immer an all die Linien, die ich noch klettern wollte. So viele schöne Felsen da draußen, die noch darauf warten, erstmals beklettert zu werden. Stattdessen saß ich in der Küche und wusste nicht, ob ich jemals wieder an meinen Projekten arbeiten würde. Ich konnte die Eisenpfanne nicht heben. Ich schaffte keinen einzigen Klimmzug.

Positiv zu bleiben ist die größte Herausforderung. Ich wusste, dass ich nach vorne schauen und kleine Schritte machen musste. Drei Monate nach meinem Unfall begann ich, spezifisch meine „verlorenen“ Muskeln zu trainieren, und ging zum ersten Mal in meinem Leben in ein Fitnessstudio. Ich trainierte wie nie zuvor, drei Stunden am Vormittag, drei Stunden am Nachmittag. Das Ergebnis war mager. Nach sechs Monaten intensiven Trainings konnte ich gerade mal mein Körpergewicht an einem Henkel für einige Sekunden halten und war weit davon entfernt, selbst leichte, überhängende Boulder zu klettern. Wenn ich nicht trainierte, besuchte ich Spezialisten, Trainer, Physiotherapeuten. Nach vielen Gesprächen wurde mir klar, dass die Neuro-Wissenschaften viel über Probleme und Nervenschäden wissen, aber wenig darüber, wie Nerven wieder heilen.

Foto: Archiv Bernd Zangerl
Bernd Zangerl beim Bouldern in Indien.

Der Himalaya – mein Shangri La

Anfang September 2016, neun Monate nach meinem Sturz, ließ ich alles zurück und reiste in den Himalaya. Ich brauchte eine Pause von all den Spezialisten und der Theorie. Ich ging in mein Shangri La. Alleine. Ich liebe die Abgelegenheit und Ruhe dieser Berge. Meine ungeordneten Gedanken und mein unsteter Geist beruhigen sich sofort bei diesem Anblick. Das Leben ist einfach und auf das Notwendigste reduziert.

In den letzten sieben Jahren wurde dieses kleine Bergdorf nahe der tibetischen Grenze zu meiner zweiten Heimat. Obwohl es geografisch zu Indien gehört, fühlt es sich für mich nicht wie Indien an. Dieser Teil des Himalayas wurde zuerst von Tibetern und Nepalesen bevölkert, den ersten, die Pässe bis 5200 Meter Höhe überqueren konnten. Eine frühe Meisterleistung, die oft übersehen wird. Wegen der aufregenden Besiedlungsgeschichte gibt es in der Region von Kinnaur heute nicht nur hinduistische, sondern auch buddhistische Tempel.

2010 reiste ich zum ersten Mal in den Himalaya. Ich kam dort an mit einem Schwarzweiß-Foto, das einige unbenannte Gipfel in der Nähe der indisch-chinesischen Grenze zeigte. Die Geländeformen deuteten auf Granit hin, was wiederum das Vorhandensein von Boulderblöcken sehr wahrscheinlich machte. Ich überzeugte meine Freunde Fred Nicole und Elie Chevieux, auf diesen Erkundungstrip mitzukommen, und nach einer wilden Reise durch den westlichen Himalaya erwachten wir schließlich in einem Paradies voller Felsen, Wände und Gipfel, die noch nie ein Mensch berührt hatte.

Die Dorfbewohner kennen mich inzwischen, und durch meine regelmäßigen Besuche ist ein gegenseitiger Respekt und eine gewisse Vertrautheit entstanden. Ich werde dort akzeptiert, weil die Leute festgestellt haben, dass die „Fremden“ ihre Umgebung respektvoll behandeln. Die Leute in diesem Tal sind fleißig, freundlich, hilfsbereit und offen. Ein Lächeln wird immer erwidert. Inzwischen habe ich viele Freunde in der Gemeinde und die Leute trauen mir. Der Dorfälteste hat mir die exklusive Erlaubnis erteilt, hier zu bleiben und meiner Leidenschaft an den Blöcken nachzugehen.

Im Himalaya begann ich, meine verkümmerten Muskeln wieder aufzubauen. Ich passte einige Yoga-Übungen so an, dass ich mehr Kraft in den Schultern entwickelte. Ich begann außerdem zu meditieren, was mir half, meine Energie zu lenken und ruhig zu bleiben. Ich versuchte mir vorzustellen, wie es sich anfühlen würde, wenn alles normal funktioniert. Nach Wochen konnte ich mir meinen wichtigsten Rückenmuskel vorstellen: den Serratus Anterior, der das Schulterblatt am Körper hält.
Einen Monat später hatte der Serratus ein kleines bisschen Kraft gewonnen. Zu diesem Zeitpunkt konnte ich leichte Boulder ohne Schmerzen oder Probleme in der Schulter klettern. Nach acht Wochen kamen dann zum Glück meine Freunde aus Tirol in diese einsamen Berge. Mit Toby, Marissa und Manu machte das Bouldern mehr Spaß. Wir putzten und kletterten schöne neue Linien in perfektem Granit und erschlossen neue Sektoren in völliger Einsamkeit.

Foto: Archiv Bernd Zangerl
Vor einigen Jahren bereiste Bernd – natürlich auch bouldernd – die Seidenstraße.

Ein Wunder im Murgtal

Mitte November, drei Monate, nachdem ich in den Himalaya gereist war und zehn Monate nach meinem Unfall, kehrte ich nach Europa zurück. Ich konnte jetzt mein Körpergewicht sechs Sekunden halten. Das war zwar ein Fortschritt, aber weit entfernt vom Niveau eines Profikletterers, der 8C bouldert. Wieder einmal stellte ich mein Leben und wie ich es weiterführen sollte in Frage.

In dieser Zeit lernte ich Sonja kennen, die in der Schweiz als spirituelle Lehrerin arbeitete. Sonja riet mir, zu pausieren und das Klettern und Training für eine Weile komplett auszusetzen. Ein dramatischer Schritt, aber was konnte ich schon verlieren? Ich zog zu ihr und ihren drei Kindern, zwei Katzen und einem Hund. Nachdem ich 20 Jahre ständig unterwegs gewesen war, hatte ich nie über eine Familie nachgedacht. Nun veränderte sich mein Leben von einem Tag auf den nächsten komplett. Obwohl mich die Situation überwältigte, half es mir auch, Teil einer Familie zu sein – ich hatte keine Zeit mehr für negative Gedanken! Der einzige „Sport“, den ich in den nächsten paar Monaten betrieb, waren lange Spaziergänge mit dem Hund. Ich setzte mir zum Ziel, mich komplett zu regenerieren – den Körper und das Nervensystem. Und hoffte, meine geschädigten Nerven würde dann schneller heilen.

Sonja wurde meine Freundin und machte mich mit Roland Wäschle bekannt, einem weiteren spirituellen Lehrer. Er öffnete mir nicht nur die Augen für einen ganz anderen Heilungsansatz, er öffnete auch wichtige Kanäle in meinem Körper, so dass der Heilungsprozess beginnen konnte. Mit der Zeit intensivierte ich meine Yogaübungen und folgte dabei Rolands Rat. Ich begann jeden Tag mit einer Meditation. Jeden Morgen setzte ich mich, konzentrierte mich und kanalisiserte meine Energie. Ich visualisierte. Atmete. Fokussierte meine Gedanken.

Es gab keinen Anlass zu klettern, bis zu einem Tag im Februar 2017. Nach einem Besuch bei Fred Nicole in Zürich beschloss ich, auf der Heimfahrt im Murgtal zu stoppen, einem Bouldergebiet beim wunderschönen Walensee. Ich hatte gar nicht vor, ernsthaft zu bouldern. Ich lief einfach durch den Wald und schaute mir einige alte Boulder und Projekte an. Ohne irgendwelche Erwartungen zog ich meine Schuhe an und legte mein Crashpad unter einen Block. Ich hatte seit sehr langer Zeit nicht mehr gebouldert.

Und war überrascht, dass der Kraftmangel beim Klettern am Fels nicht so groß war. Völlig losgelöst und voller Freude boulderte ich weiter, und stellte plötzlich fest, dass ich die Schlüssel­stelle eines alten Projekts hinter mir gelassen hatte. Ich schaffte an diesem Tag nicht das ganze Projekt, aber dass ich gerade die härtesten Züge, ungefähr Fb 8A, geklettert hatte, war eine große Überraschung. Mein Selbstvertrauen kam zurück. Überwältigt und begeistert stand ich unter der Wand war nicht sicher, was da gerade passiert war. Ein Wunder? Bis heute weiß ich nicht, was an diesem Tag im Murgtal wirklich passierte. Aber 14 Monate nach meinen Unfall und zwei Monate, nachdem ich Sonja und Roland begegnet war, verspürte ich wieder Kraft und große Motivation in mir.

Eine Woche später gelang mir die erste seilfreie Begehung von Fred Nicoles Der Strahler (8A+). Am gleichen Tag begann ich, an einer Variante zu arbeiten, die ich jahrelang im Auge gehabt hatte. Ich wollte sechs harte Züge zu Freds Testpiece addieren. Die schiere Freude, draußen zu sein, setzte eine immense Energie in mir frei. Es war, als ob sich mein Körper an früher einnern würde. Jeden Tag wurde ich stärker. Am 3. März konnte ich die beiden Probleme am Stück klettern, ohne Seil, nur mit ein paar Crashpads am Boden. Insgesamt waren das 18 Züge an kleinen Leisten. Der härteste Zug ist gleich der vierte, aber die eigentliche Schlüsselstelle kommt am Ende, wo du acht Meter über Grund den Abschlusshenkel erwischen musst.

Ich war überglücklich mit diesem Erfolg. Aber mein Kletterherz war nicht wirklich zufrieden mit dem „Gipfel“ – einem guten Griff in der Mitte der Wand. Vielleicht konnte ich das Boulderproblem bis zum Top dieses fast 20 Meter hohen Blocks verlängern? Der obere Teil der Wand war oft nass und der Fels sah nicht bombenfest aus. Ich seilte mich ab und entfernte alles lose Gestein. Ich fragte mich, wie ich das absichern sollte? Ich wollte in diesem schönen Block keine Bohrhaken setzen. Zum Glück fand ich in rund zehn Metern Höhe eine Stelle, wo sich vier Cams sicher legen ließen.Und ich fand sehr erfahrene Sicherer, die mich vor einem Bodensturz bewahren konnten – der bei einer 20-Meter-Wand und der einzigen Sicherung in zehn Metern Höhe durchaus eine Möglichkeit ist. Diese Mischung aus Bouldern und Tradclimbing war Neuland für mich. Aber ich wusste, dass diese Mischung eine der härtesten Tradrouten der Welt werden würde. Wie schwierig genau? Grade sind mir nicht wichtig. Ich war froh und dankbar, überhaupt wieder zu klettern.

Nach 20 Jahren als Kletterer und vielen schwierigen und gefährlichen Highballs habe ich viel Erfahrung und Selbstvertrauen in dieser Art von Kletterei erworben. Am wichtigsten ist, dass du dir nichts beweisen willst. Die Motivation muss aus dir selbst kommen. Es ist auch nicht so, dass ich gezielt nach Highballs suche. Aber plötzlich stehen sie vor mir, und dann muss ich mir 100 Prozent sicher sein, dass ich das wirklich klettern kann. Ich schaue und lausche nach innen. Und ich lauschte wochenlang, ehe ich mir sicher war, dass ich dort einsteigen würde.

Foto: Ray Demski | Red Bull Contentpool
Bernd Zangerl in 'Into the Sun' (8c+).

489 Tage später

April 2017, 489 Tage nach meinem Unfall. Es war ein herrlicher Tag, die Sonne trocknete die Wand. Wir hatten einen spaßigen Tag beim Bouldern im Murgtal verbracht. Es war warm, aber ich wollte mein Projekt wenigstens einmal versuchen. Ich legte die Crashpads aus und schnappte mir das Seils. Ein letzter Check mit Pascal, dann stieg ich ein.

Die Crux am Anfang kletterte ich flüssig und startete voller Zuversicht in den zweiten schweren Teil. Gut acht Meter oben atmete ich einmal tief ein und schnappte nach dem Henkel. Ich war im Flow. Ich atmete laut und tief. Es dauerte einen Moment, bis ich meine Fingerspitzen wieder richtig spürte.
Langsam platzierte ich einen Cam nach dem anderen. Ich war total ruhig, aber das Legen der Cams kostete mich viel Kraft, und meine Boulder-Unterarme liefen ziemlich zu. Ich begann, die Arme auszuschütteln und zu erholen. Zehn Minuten vergingen, die sich wie Stunden anfühlten, ehe ich weiterkletterte. Der Flow war immer noch da, und total kontrolliert erreichte ich den Ausstieg von Into the Sun (8c+ oder 11-/11).

Bilder von Bernd Zangerls früherem Himalaya-Trip: