Adam Ondra Interview

"Olympia ist ein ganz großes Ziel"

Adam Ondra klettert Disbelief 9b in Canmore
Foto: Petr Pavlicek

Adam Ondra ist der beste Kletterer der Welt: Die erste 9b+, die erste 9c und die erste 9a+ im Flash gehen auf das Konto von Adam Ondra. Wir haben gefragt, was ihn antreibt.

Adam Ondra ist der unangefochten beste Kletterer der Welt, und das nicht erst, seit er Silence erstbegangen hat. Wir haben ihn zu seiner Motivation und seinen Plänen befragt.

Du hast inzwischen rund 170 Routen ab 9a aufwärts geklettert. Bedeuten dir diese Zahlen etwas?
Ich liebe das Klettern, und jede 9a ist eine interessante Route. Und natürlich ist es interessant zu wissen, wie viele Routen ab 9a ich schon geklettert habe. Als ich vor ein paar Jahren meine hundertste 9a oder schwerer geklettert hatte, war das sogar eine wichtige Marke für mich. Trotzdem geht es mir mehr um die Route selbst, um ihre Qualität, als um die bloße Anzahl. Am liebsten würde ich jede Route ab 9a auf der ganzen Welt klettern! (Lacht)
Denn je schwieriger eine Route ist, desto interessanter ist die Kletterei. Das ist einer der Antriebe für mich, so hart wie möglich klettern zu können. Eine 9a kannst du in aller Regel nicht klettern, nur indem du kleine Griffe festhältst und hart anziehst. In einer 9a musst du auch technisch gut klettern, rohe Kraft allein reicht selten. Deshalb machen mir die Grade 9a und 9a+ am meisten Spaß – weil die Sequenzen schon wirklich interessant und komplex sind, und ich die Routen in relativ kurzer Zeit klettern kann und sie nicht ewig projektieren muss. Andererseits war die Kletterei bei Silence so unglaublich komplex, abgefahren und interessant, dass es mir da auch nichts ausgemacht hat, insgesamt 14 Wochen in einer einzelnen Route zu verbringen. Generell klettere ich für mich. Und nicht, um anderen zu zeigen, dass ich ein guter Kletterer bin.

Ist es ein Ziel für dich, 1000 Routen ab 9a zu klettern? Oder interessieren dich solche Rekorde nicht?
Puh, 1000 Routen ab 9a … Ich bin mir nicht sicher, ob ich das schaffen kann (lacht). Meine erste 9a habe ich vor 12 Jahren geklettert, seither 170 … Das wird schwierig! Aber das ist nicht, wovon ich träume. Wenn es passiert, schön, am Ende zählt aber eher die Qualität für mich. Auch möchte ich nicht mein ganzes Leben nur sportklettern. Ich möchte auch eigene Mehrseillängenrouten erstbegehen und auch an hohen Bergen klettern. Das kostet viel Zeit, die dann vom Sportklettern abgeht. Ganz ehrlich hatte ich mir bislang nie Gedanken gemacht, dass 1000 Routen ab 9a ein Ziel sein könnten. Aber jetzt, wo du es ansprichst … (Lacht) Wobei es momentan vermutlich nicht einmal 1000 9a-Routen gibt, wahrscheinlich sogar deutlich weniger.

Foto: Pavel Blazek
Vom Wunderkind zum besten Kletterer der Welt: Adam Ondra 2018.

Stichwort Mehrseillängen-Routen: Hast du schon nach einer Linie gesucht? Oder gar eine gefunden?
Wenn wir von kleineren Mehrseillängenrouten sprechen, ja, da habe ich erst kürzlich ein paar gesehen. Bei Drašnice in Kroatien gibt es eine Wand, wo Klemen Becan die Route Roctrip (8c+, 5 SL) eröffnet hat. Direkt rechts davon gibt es eine Linie, die – wenn sie überhaupt kletterbar ist – superhart sein wird, vielleicht 9b oder noch schwerer. Mal schauen, ob ich irgendwann die Zeit finde, diese Linie auszuchecken. In Paklenica habe ich auch was gesehen. Dort gelang mir Ende September ja die Route Spomin (8c, 350 m) an der Anica kuk onsight. Eine geradere Linie zu dieser Route könnte auch richtig schwierig sein. Aber die ganze Welt ist voll von interessanten harten Linien – man muss sie nur entdecken. Bis jetzt habe ich aber noch nichts gefunden, wo ich sage: Da muss ich hin!

2018 warst du hauptsächlich Fels­klettern, für die WM in Innsbruck hast du „nur“ einen Monat trainiert. Im Lead und im Olympic Combined bist du dort Zweiter geworden, im Bouldern hast du es nicht ins Finale geschafft. Sind das für dich die im Vorfeld erhofften „guten Resultate“?
Im Kopf hatte ich, mindestens einen Titel zu gewinnen. Lead war der wichtigste Wettbewerb für mich. Deshalb war ich nach dem Lead-Finale etwas enttäuscht. Aber insgesamt war ich zufrieden, dass ich nach nur einem Monat spezifischem Training an der Spitze mitklettern konnte. Sowohl im Lead als auch im Olympic Combined bin ich ja nur sehr knapp am Titel vorbeigeschrammt. Deshalb muss ich mit meinem Resultat und meinem Niveau zufrieden sein. Bouldern hat mich ziemlich gestresst, vor allem der neue Stil, der von den Routenbauern verlangt wird – koordinativ extrem anspruchsvolle Dynos und Parkour-artige Boulderprobleme. Im Halbfinale auszuscheiden, war definitiv enttäuschend für mich. Da dachte ich: Wow, du bist weit weg vom Niveau der Besten in dieser Art der Kletterei! Auf der anderen Seite habe ich mich im Finale des Olympic Combined dann schon ganz gut an diesen Bouldern gefühlt. Insgesamt würde ich die WM also als erfolgreich werten. Sie hat mir gezeigt, dass ich mit etwas mehr Vorbereitung im Bouldern und auch im Olympic Combined nicht so schlecht da stehe.

Foto: Bernardo Gimenez
Adam Ondra in Mazedonien.

Zurück zum Boulder-Halbfinale der WM: Wir hatten gedacht, du würdest den Plattenboulder hochspazieren …
Ich weiß nicht, was dort passiert ist. Plattenklettern, speziell auf Volumes antreten, habe ich wirklich viel trainiert und habe auch viele Schuhe ausprobiert. Aber irgendwie fehlt mir da immer noch das Vertrauen. In diesem Fall kann ich wirklich nicht sagen, ob es am Schuh lag, ob ich nervös war oder ob ich einfach nicht gut im Antreten auf Volumen bin.

2020 ist Klettern bei Olympia in Tokio dabei. Wieviel Aufwand wirst du dafür betreiben und welche Schlüsse hast du aus Innsbruck gezogen?
Dass es vor allem die richtigen Trainingsmöglichkeiten braucht. Das beste wäre, in Tokio zu wohnen, weil es dort so viele Kletterhallen gibt, wo du diese Art von Bouldern mit Volumes und koordinativ anspruchsvollen Sprüngen findest. In jeder Stadt Europas, sogar in Innsbruck, findest du immer nur eine sehr limitierte Auswahl an Bouldern mit diesem modernen Stil und diesen Volumen. Ich werde versuchen, allein und mit Freunden so viel wie möglich Boulder im Parkourstil und mit Volumes zu bauen und so viel wie möglich in Hallen zu trainieren, wo es diese Volumen und Boulder gibt. Nur so kann ich Selbstvertrauen in diesem Stil bekommen. Ich bin bereit, einen großen Aufwand dafür zu betreiben, weil ich sonst nicht erwarten kann, dass ich im Wettkampf-Bouldern Weltklasse bin. Und ich bin ziemlich zuversichtlich, dass sich der Aufwand auszahlen wird! Als Vorbereitung werde ich 2019 bei allen Weltcups starten, 2020 werde ich dann hauptsächlich für Tokio trainieren. Olympia ist ein ganz großes Ziel für mich, und ich werde alles tun, so gut wie möglich vorbereitet zu sein!

Worauf hast du im Moment deinen Hauptfokus? Gibt es potenzielle neue 9c-Routen oder hast du gerade keine Lust, erneut sehr viel Zeit in eine einzige Route zu investieren?
Für diesen Herbst habe ich mir vorgenommen, viel zu reisen, verschiedene Orte zu sehen und mich mental ein wenig zu entspannen. Erst war ich auf dem Balkan unterwegs, im November werde ich nach Amerika fliegen. Im Winter vielleicht noch einige harte Routen am Fels, aber der Hauptfokus wird dann schon auf der Vorbereitung für die Wettkampf-Saison 2019 liegen. Vorrang hat, dass ich mich für die Olympischen Spiele qualifiziere. Der wichtigste Nominierungs-Wettbewerb wird die WM 2019 in Tokio sein. Klar bin ich auch daran interessiert, eine weitere 9c zu klettern, aber ich kann nicht alles gleichzeitig tun. Ich muss Prioritäten setzen, und die liegen für 2019 im Wettkampfklettern. Deshalb glaube ich nicht, dass ich vor den Olympischen Spielen eine weitere 9c klettern werde. Aber danach werde ich mich wieder mehr aufs Felsklettern konzentrieren.

Foto: Petr Pavlicek
Adam Ondra in 'Disbelief' (9b) in Canmore.

Im Juli 2018 hast du in Kanada Disbelief erstbegangen, eine kleingriffige, maximal senkrechte 9b. War das dein Limit in dieser Art der Kletterei oder kannst du dir vorstellen, noch härtere „Platten“ zu klettern?
„Plattenklettern“ ist ja nur die Definition des Neigungswinkels. Platten können aber so viele unterschiedliche Klettertechniken fordern. Das Schöne an Disbelief ist, dass die Crux wirklich nur senkrecht oder sogar ein bisschen geneigt ist, die Griffe aber trotzdem nicht extrem klein sind und alles nicht nur von einer guten Fingerhaut abhängt. Die Griffe haben schlicht alle die falsche Belastungsrichtung, die Tritte sind mies und haben ebenfalls die falsche Belastungsrichtung. Solange es beim Plattenklettern nicht allein darum geht, immer noch mikroskopischere Griffe durchzublockieren, kann man noch viel härtere Platten klettern! Und ehrlich gesagt ist das auch mein Ziel: eine Plattenlinie zu finden, die sich im Bereich 9b+ oder gar 9c bewegt. Ich liebe diese Art der Kletterei sehr, weil sie einfach interessant ist. Zum Beispiel habe ich kürzlich in Bosnien eine 9a+/9b geklettert, die zur Hälfte senkrecht oder plattig war. Und dort gab es eine weitere plattige, noch nicht eingebohrte Linie, die noch deutlich schwieriger sein dürfte.

Im Februar 2018 hast du als erster Kletterer eine 9a+ geflasht. Wie weit bist du davon entfernt, eine 9a+ onsight zu klettern?
9a+ onsight, wow! Das klingt gut! (Lacht) Aber dafür fühle ich mich noch nicht bereit. Wenn wir uns die nächsten Levels im Sportklettern anschauen – 9c+ rotpunkt, 9b flash und 9a+ onsight –, dann denke ich, dass eine 9b im Flash am ehesten möglich ist. Schauen wir mal! Jede dieser Steigerungen wäre beeindruckend, aber um auch nur eine der drei zu verwirklichen, muss ich erst ein noch viel besserer Kletterer werden. Momentan kann ich mir nicht vorstellen, dass ich ein Niveau erreichen kann, wo ich zuversichtlich bin, eine 9a+ onsight klettern zu können. Aus heutiger Sicht bin ich jedenfalls noch weit davon entfernt!

Wie hat sich dein Zugang zum Klettern verändert, seit Patxi Usobiaga dein Coach ist?
Patxi ist seit vier, fünf Jahren mein Coach. Das war definitiv eine große Veränderung für mich, weil ich mit ihm erstmals spezifisch und nach einem strikten Trainingsplan für Wettkämpfe trainierte. Seither ist mein Training viel strukturierter und seither trainiere ich noch härter. Und ich denke, das war der einzige Weg, mich noch zu verbessern. Meine vorherige Art zu trainieren, hatte mich an ein Limit gebracht. Für 9b oder vielleicht auch 9b+ hatte es noch gereicht, für etwas Schwierigeres aber nicht mehr. Es macht Spaß, mit Patxi zusammen zu arbeiten, wir kennen uns inzwischen auch sehr gut. Es ist nicht so, dass er beim Trainieren dabei ist oder mich motivieren muss. Dazu brauche ich niemand, meistens trainiere ich allein. Aber es ist definitiv sehr hilfreich, dass wir mein Trainingsprogramm diskutieren und er mir sehr viele Tipps gibt. Und manchmal unterstützt er mich auch mental.

Foto: IFSC | Eddie Fowke
Adam Ondra im Weltcup 2018.

Was hat sich verändert, seit Klaus Isele dein Physiotherapeut ist?
Es ist definitiv gut, jemanden zu haben, der sich um meinen Körper kümmert und präventiv Verletzungen vorbeugt. Klaus hat mir darüber hinaus sehr bei der Erstbegehung von Silence geholfen und mir die Augen dafür geöffnet, dass ein Physiotherapeut nicht nur bei Schmerzen helfen kann, sondern auch dabei, härter zu klettern, indem er limitierende körperliche Faktoren analysiert und mir hilft, an diesen zu arbeiten. Das war eine große Offenbarung für mich und ich bin wirklich glücklich, dass Klaus zu meinem Team gehört.

Was hast du gedacht, als du von Alex Honnolds Free-solo-Begehung von Freerider am El Capitan gehört hast? Kannst du dir Free solos für dich selbst vorstellen?
Freerider free solo zu klettern, ist schlicht unfassbar! Es ist für mich kaum vorstellbar, dort oben allein ohne ein Seil auf diesem super glatten Granit unterwegs zu sein. Ich kann mir das für mich überhaupt nicht vorstellen! Ich kann mir Free-solo-Klettern generell für mich nicht vorstellen! Das beinhaltet ein Risiko, das ich nicht eingehen möchte. Aber ich respektiere, dass jemand anders, der sich dieses Risikos bewusst ist, bereit ist, es einzugehen. Und ich bewundere Alex für seine Aktionen und seine Fähigkeit, sich in solchen extremen Situationen kontrollieren zu können. Alex ist unglaublich!

Danke Adam!

Foto: Pavel Blazek
Adam Ondra in 'Silence'.

Fäcts: Adam Ondra

Das Wunderkind
Am 5. Februar 1993 im tschechischen Brno geboren, begann Adam 1999 zu klettern. 2001 onsightete er im Alter von acht Jahren bereits vier 7b+. Mit Neun klettert er seine erste 8a, mit Elf die erste 8c, mit 13 die erste 9a.

Der Visionär
Mehrfach verschob Adam die Grenzen des Möglichen: 2012 eröffnete er im norwegischen Flatanger Change, die erste 9b+ weltweit. Im September 2017 ließ er ebendort Silence folgen: die erste 9c. Und im Februar 2018 flashte Adam mit Super Crackinette als Erster eine 9a+.

Der Goldjunge
Als 16-Jähriger wurde Adam 2009 Vizeweltmeister und holte sich den Gesamtweltcup im Lead. 2010 gewann er dann den Gesamtweltcup im Bouldern. 2014 wurde er als erster Kletterer in einem Jahr Weltmeister im Lead und im Bouldern.

Der Marathonmann
Inzwischen hat Adam rund 170 Routen ab 9a aufwärts geklettert. 2008 schaffte er die erste Rotpunktbegehung von WoGü (8c, 7 SL) im Rätikon, 2016 holte er sich die zweite freie Begehung der Dawn Wall (9a, 32 SL) am El Cap in sechs Tagen.

Älteres Interview mit Adam Ondra (2008)

Foto: Eva Ondrova Adam Ondra in Dreamtime
Adam Ondra in "Dreamtime" (8a+), Cresciano, im März 2008.

Du hast La Rambla (9a+) im fünften Versuch geklettert. Dein Limit ist also von der Schwierigkeit her offensichtlich noch nicht erreicht.

Alle meine schweren Begehungen waren von Ausdauertouren, deshalb möchte ich mich jetzt eher auf boulderige Routen konzentrieren. Definitiv sind die heute schwersten Routen noch deutlich unter der menschlichen Leistungsgrenze.

Adam Ondra klettert "Dreamtime" (8b+)

Über Perla vychodu (8c+), eine Route im Moravischen Karst in Tschechien, hast du gesagt, dass es die schwerste Route sei, die du je geklettert bist. Wirst du jetzt die Bewertung überdenken, oder sind die Routen in Spanien überbewertet?

Ich denke La Rambla war vermutlich schwerer. Aber ich kann mich des Eindrucks nicht erwehren, dass die Routen in Spanien überbewertet sind. Verglichen mit Frankreich ist alles mindestens einen halben Grad leichter. Und ich spreche nicht von Buoux! Es ist allerdings recht schwierig, Ausdauertouren mit eher boulderartigen Routen zu vergleichen, deshalb kann man Spanien und den Moravischen Karst eigentlich nicht vergleichen. Es ist ungefähr so: In Spanien brauchst du Kraft und musst dich gut erholen bzw. schütteln können, bessere Technik macht es nur geringfügig leichter. Im Frankenjura brauchst du brutale Kraft, viel mehr als in Spanien, und du musst herausfinden, wie die Route zu klettern ist. Im Karst brauchst du Kraft, musst herausfinden, wie die Tour zu klettern ist, und musst zusätzlich auf sehr schlechten, rutschigen Tritten stehen können. Im Ergebnis fühlst du dich überall gleich, mit dem Unterschied, dass du die Route in Spanien im zweiten Versuch machst, im Frankenjura im zehnten, und im Karst erst im zwanzigsten Versuch.

Was meinst du, warum du dich so sehr verbessert hast? Mehr Training, mehr Erfahrung,..?

Schwer zu sagen. Ich habe immer versucht, mich jedes Jahr um einen Grad zu verbessern. Das hat immer funktioniert, bis auf letztes Jahr. So gesehen habe ich mich eigentlich stetig verbessert, nur jetzt mit einer größeren Verspätung (lacht).

Danke Adam!