Verletzungen & Reha

Bitte nicht schonen!

Kletterverletzungen & Reha / bouldern mit Tape
Foto: Nicolas Altmaier

Bei akuten Verletzungen muss man pausieren, keine Frage. Doch was, wenn es nicht mehr akut ist? Wann Schonen nicht sinnvoll ist.

"Ich gebe Ihnen ein Schmerzmittel und dann pausieren Sie mindestens sechs, besser acht Wochen" – so oder so ähnlich wird man oft entlassen, wenn man mit einer Verletzung oder Überlastungsbeschwerden zum Arzt geht.

Klingt logisch: Wenn der Finger vom Klettern weh tut, gibt man dem Körper mit einer Pause die Chance, den Finger gründlich zu reparieren. Doch im Klettersport erfahrene Ärzte und Physiotherapeuten sehen die Sache etwas anders. Vor allem der Ansatz, wochenlang stillzuhalten, wird von ihnen kritisch betrachtet.

Foto: Vertical Axis | klettern.de

Denn der Körper reagiert auf konkrete Erfordernisse. Wird nun nach einer Verletzung, zum Beispiel am Finger, wochenlang der Finger nicht belastet, wird der Körper die Finger auch nur soweit reparieren wie nötig; und das ist ohne Belastung eben ein anderer Zustand als mit.

Der Physiotherapeut und Osteo­path Klaus Isele erklärt dies unter anderem mit der Art und Weise, wie Narbengewebe wächst. Nach einer Verletzung setzt der Körper alles daran, die traumatisierte Stelle möglichst schnell mit Narbengewebe zu „flicken“. Wenn wir zu diesem Zeitpunkt den Finger nicht in der gewohnten Weise einsetzen, wird sich das Narbengewebe ungezielt bilden.

Risiko des Pausierens

Deshalb, so die Spezialisten, sei eine – den Umständen angepasste – Belastung durchaus sinnvoll, damit die Fasern des Narbengewebes sich an die Erfordernisse anpassen, in die richtige Richtung ausrichten und belastbar werden. Längere Pausen bergen auch für die übrigen, noch gesunden Strukturen Risiken. Denn, so schreibt der Arzt Andreas Schweizer im Buch „Vertical Secrets“: „Ein Band, dass zwei Monate nicht belastet wird, verliert circa drei Viertel seiner Reißfestigkeit“. Das ist relativ viel Widerstandskraft, die uns in einer eigentlich zur Stärkung gedachten rehabilitativen Pause flöten geht.

Reha statt Nichtstun

Das heißt im Klartext: Pausieren will dosiert sein. Der Kletterer und Sportwissenschaftler Dave MacLeod erklärt, dass schon nach wenigen Tagen die anfängliche Entzündungsreaktion abklingt und dann mit vorsichtiger Reha begonnen werden sollte. Die Belastung muss aber so dosiert sein, dass keine Neu-Verletzung stattfinden kann – hier wartet also die große Herausforderung, das richtige Maß zu finden.

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