Ninja Training

Interview: Training Ninja Warrior

Ninja Warrior Training im Stuntwerk Köln
Foto: Benjamin Grams | Stuntwerk

Wir haben mit dem Kopf hinter dem Ninja-Parcours gesprochen, worauf es beim Ninja Warrior ankommt und wie man darauf trainiert.

Interview mit Florian Schiffer, der bei der Fernsehsendung Ninja Warrior Germany als sportlicher Berater die Hindernis-Parcours gestaltet und die Castings durchführt

Florian, du hast die sportliche Leitung bei Ninja Warrior Germany inne. Was umfasst diese Aufgabe?
Als sportlicher Berater berate ich die Produktion in allen Bereichen der Show, bei denen es um Sport geht. Im Vorfeld der Show konzeptioniere ich den Fitnesstest fürs Casting, berate bei der Auswahl der richtigen Athleten und stelle den Parkour zusammen. Bei der Show selbst bin ich der Ansprechpartner für alle Fragen rund um den Parkour und den Orga-Ablauf der Aufzeichnung. Ich teste also den Parkour mit und entscheide über die Schwierigkeit und Ausführung der Hindernisse. Also eigentlich handelt es sich im klassischen Sinne um Routenbau. Während der Aufzeichnung schaue ich, dass alles sportlich fair ist und alle die gleichen Voraussetzungen haben. Ab diesem Jahr bin ich für den kompletten Parkour Verantwortlich. Da kommt man dann schon manchmal ins Schwitzen...

Foto: MG RTL D / Stefan Gregorow
Ninja Warrior Kandidat Thanh Nguyen aus Viernheim in Kletterpose.

Was muss ein guter Ninja-Kandidat mitbringen?
Alles! Im Ernst: Ein Ninjakandidat kann nicht komplett genug sein. Neben absoluter körperlicher Fitness in allen Bereichen ist ein Verständnis für die Mechanik der Hindernisse und die Bewegung im Raum eine Grundvoraussetzung, um einigermaßen mitspielen zu können. Da alles 'onsight' gemacht wird (also ohne vorheriges Üben), ist die Antizipation eine der wichtigsten Fähigkeiten. Das hilft aber alles nichts, wenn man zu schwach ist oder zu wenig Ausdauer hat. Oder nicht Trampolin springen kann – wie die meisten Kletterer (grinst). Aus dem letzten Jahr sieht man, dass sowohl Weltklasse-Kletterer, Weltklasse-Parkourläufer oder Bewegungs-Künstler wie Zirkusartisten weit kommen können. Wer gewinnen will, muss alles können.

Kann man Ninja-Kompetenz erwerben? Oder hilft doch nur Talent?
Wie in allen Bereichen des Lebens gilt auch hier: Übung macht den Meister! Das gilt im Allgemeinen für fitte Sportler, im Speziellen muss man aber tatsächlich Erfahrung an den Hindernissen sammeln. Die Kombination aus Dynamik und Technik ist für die meisten Sportler ungewohnt. Bei der Himmelsleiter zum Beispiel springt man mit einer Stange in der Hand nach oben. Das ist eigentlich nur ein schneller Klimmzug, aber wenn man das noch nie gemacht hat, fühlt es sich sehr komisch an. Talente lernen schneller oder erreichen mehr mit weniger Einsatz. Deswegen kann ein talentierter fleißiger Athlet auch bessere Leistungen erreichen... Talent ist also nice to have, aber nicht zwingend notwendig!

Was bringen mir diese Fähigkeiten beim Bouldern?
Die Fähigkeit zu antizipieren ist beim Klettern allgemein ein Schlüssel, um schnell zum Top zu kommen. Egal ob beim Klettern oder beim Bouldern, wenn ich vorher weiß, was ich machen werde, dann verschwende ich nicht so viel Energie beim Probieren. Ein weiterer sehr wichtiger Faktor ist die Kompromisslosigkeit, mit der man bei Ninja Warrior an den Start gehen muss. Es gibt kein Zurück! Diese Herangehensweise setzt immense Fähigkeiten frei, weil alles kanalisiert wird auf den einen Versuch. Schaffst du es nicht, musst du im besten Fall ein Jahr warten um es wieder zu versuchen... Es sei denn, du bist Parkourtester – aber auch da möchte man nicht immer ins Wasser fallen (lacht). Beim Klettern beobachte ich oft, auch bei mir selbst, dass aus verschiedenen Gründen 'die Handbremse angezogen' ist – das ist bei mir aber definitiv viel besser geworden! Eine weitere Komponente sind die vielen dynamischen Bewegungen bei Ninja Warrior. Es wird geschwungen, gesprungen und gedreht... Mir persönlich macht das einen Riesenspaß, zu spüren, wie sich der Körper schwerelos bewegt. Fürs Bouldern liegt der Bonus auf der Hand: Bringe den Körper in eine Situation, in der keine Kraft auf Händen und/oder Füßen lastet, und du kannst in dieser Situation alles machen. Simultanbewegungen aller Art sind ohne Dynamik nicht möglich!

Foto: MG RTL D / Stefan Gregorow
Ninja Warrior Kandidat Simon Brunner auf dem Weg nach oben.

Mit Isaac Caldiero in den USA und Moritz Hans in Deutschland haben zwei Kletterer bewiesen, dass sie sehr erfolgreiche Ninjas sind. Heißt das, Ninjas sind eigentlich gute Kletterer?
Jein. Man muss dazu wissen: Isaac hat wie ein Besessener über Monate in seinem eigens gebauten Parkour trainiert. Moritz hat bewusst an seinen Schwächen gearbeitet und ist Trampolin gesprungen! Außerdem ist er letztes Jahr eindeutig daran gescheitert, dass er eben nicht spezifisch genug trainiert hat. Kletterer bringen die meisten Schlüsselfähigkeiten mit, um erfolgreiche Ninjas zu werden. Aber ohne spezifisches Training schafft es auch ein guter Kletterer nicht bis ganz oben. Andersherum gilt das gleiche: Gute Ninjas bringen viele Schlüsselfähigkeiten mit, um gute Kletterer zu werden, aber ohne Training geht auch hier nichts. Größtes Manko wird hier wohl erstmal die Fingerkraft sein.

Interview: Moritz Hans, Gewinner von Ninja Warrior Germany 2017

Die Boulder- und Kletterszene ist gespalten zwischen denen, die dynamischen Ninja Style als nutzloses 'Parkour-Rumgehüpfe' ansehen und denen, die davon begeistert sind. Was verpassen die Kritiker eigentlich?
Neben dem Spaß den Effekt, dass man auch beim normalen, statischen Klettern besser wird!

Heißt das, dass jeder Boulderer von Ninja-Training profitieren kann?
Definitiv ja! Grundsätzlich kann ein Boulderer von allen anspruchsvollen Bewegungen profitieren, die er zusätzlich zum Bouldern macht. Da die grundsätzlichen Bewegungsmuster und koordinativen Anforderungen sehr ähnlich zum Bouldern sind, lohnt es sich auf jeden Fall, auch mal über den Tellerrand zu schauen. Im Zweifelsfall trägt die Abwechslung auch ihren Teil dazu bei, dass die Trainingsmotivation im Ganzen hoch bleibt und damit das gesamte Training besser funktioniert.

Foto: MG RTL D / Stefan Gregorowius
Kletterer Moritz Hans bei seinem Durchlauf bei Ninja Warrior Germany 2017.

Von Klettertrainern gibt es Bedenken, dass mit vielen sehr dynamisch-koordinativen Bouldern die Verletzungswahrscheinlichkeit steigen würde. Was ist deine Antwort darauf?
Natürlich, das ist so. Wenn ich auf der Couch liege und nichts tue, ist die Verletzungswahrscheinlichkeit sehr gering. Mit jeder Bewegung steigt das Risiko einer Verletzung.
Die Frage ist doch: Wie gehe ich an die Sache ran? Im Wettkampf hole ich ohne Rücksicht auf Verluste alles raus, da steigt das Risiko auf jeden Fall. Das muss und soll ja nicht jeder machen. Ich bin davon überzeugt, dass wenn man mit dem richtigen – also seinem eigenen – Tempo an Bewegungsaufgaben drangeht, erhöht sich das Risiko einer Verletzung bei der Bewegung an sich nicht zwangsläufig.

Wie steige ich ins Ninja Training ein, ohne mich zu verletzen?
Einfach mal mit Turnschuhen rausgehen und ein paar Präzisionssprünge machen. Zum Beispiel auf den Bordstein oder einen Stein. An der Wand kann man mal in die Hände klatschen und währenddessen die Griffe wechseln. Die Fortsetzung von Deadpoint-Moves sozusagen. Dann merkt man schnell, dass der Körper eine Schwungmasse ist, mit der man arbeiten kann. In jeder Boulderhalle gibt es mittlerweile relativ leichte dynamische Züge, mit denen man starten kann. Mein Tipp: Nicht gleich zufrieden sein, wenn es das erste Mal geklappt hat, sondern solange probieren und machen bis es sich weich und geschmeidig anfühlt.

Foto: MG RTL D / Stefan Gregorow
Ninja Warrior Kandidat Oliver Edelmann im Finaldurchgang beim Kamin-Spreizen.

Gibt es Grundregeln für koordinativ-dynamische Übungen, die beim Einstieg helfen?
Der Weg ist das Ziel. Die Bewegung muss sich weich und total easy anfühlen, dann kommt die nächste dran. Es muss Spaß machen, da lernt der Körper am besten.

Im Stuntwerk-Ninjatraining ist die Rede von folgenden Übungen - kannst du sie kurz beschreiben und sagen, was der Nutzen fürs Bouldern ist?
Grundsätzlich sind das ja Kopien von Hindernissen aus der Show, die im Stuntwerk zweckentfremdet werden und zum Teil auch als Trainingsgeräte benutzt werden.

  • Die Himmelsleiter

Hier springt man an einer Stange über Stufen nach oben und wechselt dann noch die Seite. Sie sorgt für Schnellkraft und Koordination in Armen und Oberkörper und ist eine super Alternative zu Klimmzügen.

  • Warped Wall

Ähnelt einem klassischen Laufboulder. Die Wand ist wie eine Rampe aufsteigend, rund 4,20 Meter hoch und hat oben eine positive Kante. Also Laufboulder zum Henkel und dann drüber manteln.

  • Affenschaukel

Die Affenschaukel ist das nennen wir das Hangeln an mehreren Kugeln hintereinander. Sorgt für Kraft und Koordination des Körpers im Raum.

  • Labyrinth

Das Labyrinth haben wir selbst erfunden… Dabei muss man mit zwei Griffen durch ein Labyrinth navigieren, mit oder ohne Füße! Ähnlich arbeiten kann man mit einem Steckbrett, auch hier braucht es Blockierkraft und Koordination.

Foto: Benjamin Grams | Stuntwerk
Lilli Kiesgen trainiert an der Affenschaukel.

Mehr zum Ninja Warrior Training gibt's in der Fotostrecke

Foto: Archiv Schiffer Ninja Warrior Training
Florian Schiffer klettert 'Big Smile'.

Florian Schiffer

Flo Schiffer klettert und bouldert, seit er denken kann. Er ist Geschäftsführer in der Boulderhalle Rosenheim und im Stuntwerk in Köln. Außerdem ist er portlicher Koordinator der Fernseh-Show Ninja Warrior Germany. Des weiteren entwickelt und verkauft er Trainingsgeräte und Kletterwände unter dem Namen 3D-Sportanlagen Bau und Betriebs GmbH, die Ninja Training in Kletterhallen erlauben sollen. Er lebt in Rosenheim, treibt Bergsport in jeder Form und ist gern an der frischen Luft. Er hat zwei Töchter.